Der Albrecht
Unabhängige Hochschulzeitung an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Eine weitere bedeutungslose Sternstunde oder …etwas Anderes?? – Rocko Schamoni

von das pommus

Ein kleiner Tisch mit improvisierter, schwarzer Tischdecke und ein Pint voll Wasser. Es blieb unberührt. Dafür brachte Rocko Schamoni seine fünf Bierflaschen selbst mit auf die Bühne. Im orangefarbenen Bademantel mit all seinen selbstgeschriebenen Büchern unter dem Arm trat er hinter dem schwarzen Vorhang hervor: „Guten Abend Kiel!“

Was soll man über einen Mann schreiben, der sich wie so viele andere Menschen hinter einem Pseudonym versteckt, dessen Bücher so absurde Geschichten beinhalten, dass man sie schon wieder gerne liest, um dem tristen verregneten Kieler Alltag zu entfliehen und der einem alle Erwartungen zu Nichte macht? Man könnte euch erzählen, dass er sich als Erstes eine Zigarette anzündet und den Rauch in die Scheinwerfer bläst und erzählt, dass er eigentlich ein Nichtraucher ist, sich aufgrund der neuen Gesetzeslage im letzten halben Jahr jedoch zu einem „Protestraucher“ entwickelt hat. Dabei weiß jeder, dass dieser Mann mit höchster Wahrscheinlichkeit schon immer rauchte, und zwar nicht nur Zigaretten. Ansonsten würden angebliche Biografien wie sein letztes Buch „Sternstunde der Bedeutungslosigkeit“ erst recht Verwunderung bei dem Leser hervorrufen. Wie sollte ein Mensch sonst auf solche Ideen, Sätze oder Wortspielereien kommen?

Bei der Lesung zerschlägt der Autor die Vorstellung von einem immer rebellischen Mann, der sich arrogant hinsetzt, eine Stunde lang ohne weiter Kommentare zwei, drei Passagen aus seinem neuestem Werk vorliest und dann einfach geht. Genau das tut er nämlich nicht. Rocko Schamoni bietet sein Bier und seine Zigaretten dem Publikum an, fragt, was am Abend noch gemacht wird, signiert nach der Vorlesung jedes Buch und jede CD einzeln, quatscht mit den Fans, als gäb es nichts Anderes zu tun. Er gibt eine dreißigminütige Lesezugabe und auch da liest er das vor, was im Publikum gewünscht wird. Nur dafür geht er noch einmal auf Klo, um die Geschichte komplett an einem Stück vorlesen zu können. Er erklärt seine Geschichten, entschuldigt, dass er die grüne Farbe vergessen hat und lächelt immerzu in die ersten Reihen.

Er fängt an wirre Sachen zu erzählen, wundert sich über seine eigenen Sätze und Geschichten, gibt zu verstehen, dass er sich wundert, warum das überhaupt gedruckt wurde ohne groß redigiert worden zu sein und dass Besucher Abend für Abend im Saal sind. Es wirkt so, als ob er selber daran zweifelt, was er zu Buche bringt, da er sich selbst auch bei jedem dritten Satz vor Lachen kaum halten kann. Man lacht nicht über das, was vorgelesen wird, sondern über die Reaktion des Autors auf seine eigenen Sätze. Es sollte anders sein. Wie genau, weiß ich auch nicht. Im Nachhinein denkt man nicht mal mehr über die Interviewabsage schlecht: Das „verdammte, arrogante Arschloch“ vom Mittag zuvor meinte die Entschuldigung höchstwahrscheinlich noch ernst und hätte dem ALBRECHT gerne ein Interview gegeben, nur muss Mann wahrscheinlich daheim Blumen gießen und hat deswegen keine Zeit. Man getraut sich nicht seine Eintrittskarte signieren zu lassen und sich nebenbei als Autor dieses Artikels zu outen, um noch einmal um ein Interview zu bitten. Er hätte dann wahrscheinlich nicht „Nein – dazu habe ich keine Zeit“ gesagt, sondern „Na gut – bist ja trotzdem gekommen, ich fühle mich geehrt…komm mit auf ein Bier hinter die Bühne“ oder so ähnlich. Nein, sowas würde niemand verkraften. Das was noch übrig ist von der arroganten Rocko-Illusion soll erhalten bleiben, sonst wird die Hoffnung aufgegeben, hier eines Tages wirklich etwas Außergewöhnliches zu erleben und die Welt mit selbst produzierten Wahnsinn verwirren zu können.

Deswegen bitte ich Sie, liebe Leser, sich nicht zu wundern, wenn Sie später jemand als Dankeschön für den Applaus mit rosa Blüten bewirft. Das wird dann nur gemacht, um in Ihnen endgültig Verwunderung über seine Persönlichkeit hervorzurufen und dies dann als weitere bedeutungslose Sternstunde in seinen Memoiren niederzuschreiben, so wie es Jahre zuvor ein Allround-Künstler aus Hamburg vormachte.

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