B. blogt – Bildungsprozesse
12. Dezember 2008 | Kategorie: B. blogt Keine Kommentare »Die Universität ist ein Hort des Wissens. Ein Ort, an dem weise Wissende Wesentliches an willenlos Lernende weitergeben. Doch wollen die Willenlosen wirklich weiteres Wissen erwerben? Das natürliche Verhalten eines Studenten gibt guten Grund, daran zu zweifeln.
Sichtbar wird dies zum Beispiel in Professor Horatscheks erquicklicher Vorlesung über bildende britische Bücher des 19. Jahrhunderts.
Ich sitze dort jede Woche und folge teilweise der Bildungsreise, die Professor Horatschek verzweifelt mit uns zu unternehmen versucht, teilweise beobachte ich meine Kommilitonen. Letzteres überwiegt.
Blondchen vor mir malt mit einem Edding sorgfältig einen blauen Kreis auf ihren Collegeblock. Nach einer kurzen Pause (in der Vorlesung ging es gerade um Jane Austen) kommen nun mit einem orangefarbenen Textmarker noch fünf wohlgeformte Blütenblätter hinzu.
Unten am Rednerpult schreit unterdessen die Dozentin mit emporgereckter Faust und entrücktem Gesichtsausdruck ihre Erkenntnis in die Welt hinaus: „Bildung ist ein prozessualer Begriff!“ Die folgende Kunstpause füllt sich jedoch wider Erwarten nicht mit Erstaunten „Ohs“ und „Ahs“ aus dem Publikum. Vielmehr herrscht betretenes Schweigen.
Vor mir sitzt ein Pärchen. Sie hockt beinahe auf seinem Schoß und beginnt, zärtlich seinen Nacken abzulecken. Er verharrt männlich-regungslos. Ihr Gesicht verschwindet fast zur Gänze in seinem rechten Ohr, während Professor Horatschek gerade mit bedeutungsschwangerer Miene erklärt, was es mit nicht relativierten oder problematisierten Ontologien auf sich hat, „welche die Illusion objektiver Erkenntnis erzeugen, in der das problematische Verhältnis zwischen Welt und Welterklärungsmodell verschwimmt.“ Die Lüstlinge vor mir scheinen eher bemüht zu sein, ihr Verhältnis zueinander zu intensivieren. Ich wende mich schnell ab, bevor ich aggressiv werde.
Der Kommilitone zwei Reihen vor mir fühlt sich weder vom Porno hinter ihm belästigt noch scheint ihn Professor Horatscheks wortreicher Kampf um die finale Erkenntnis zu interessieren. Er hat es nämlich geschafft, so in sich zusammenzusacken, dass man von vorne denken muss, er würde interessiert zuhören. Tatsächlich jedoch hat sein Sitznachbar Mühe, ihn zu wecken, als die Anwesenheitsliste endlich da ist.
Links neben mir werden SMS geschrieben; hinter mir diskutieren zwei bärtige Fünftsemester ein 50-Seiten-Papier aus der Politikwissenschaft. Ich fühle mich gut und fleißig, denn ich arbeite ja. Ich schreibe nämlich diesen Artikel.
Mein Erkenntnisgewinn aus dieser Vorlesung ist zwar enorm, beinhaltet jedoch eher die Bettgewohnheiten meiner Kommilitonen und die neuesten Gerüchte aus der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät als das von Professor Horatschek gewohnt griffig beschriebene Ziel, „historisch spezifische Modelle von Subjektivität und Identität mit ihren Implikationen für Bildungskonzepte (…) in ihrer diachronen Abfolge herauszuarbeiten.“ Was ich nun so schlimm nicht finde, ehrlich gesagt.