Keine Wirtschaftsethik in Kiel
9. Februar 2009 | Kategorie: Gesellschaft Keine Kommentare »von Svenja Naudszus und Bernd Tegel
Einhundert Wirtschaftswissenschaftler sitzen wie Hühner auf der Stange in einem Hörsaal des CAP 3 und warten gebannt auf den Beginn einer Vorlesung. Sie warten auf „Wirtschaftsethik“. Die Stunde beginnt und der Professor sagt: „Manager müssen gierig sein“. Wenn Gewerkschafter einmal mehr höhrere staatliche Umverteilung fordern, so wird diese Position nicht untersucht, sondern von vornherein lächerlich gemacht. Dem anwesenden Sozialwissenschaftler klappt der Kiefer bis auf den Boden. Das Studium soll einem natürlich auch andere Horizonte als den eigenen aufzeigen, aber die Vorliebe des Professors für die Partei mit dem gelb-blauen Logo könnte etwas zurückhaltender ausfallen. Auch mag es am mangelnden Philosophieverständnis des Autors liegen, aber sollte Ethik in der Wirtschaft den Managern von morgen nicht Gegenstände jenseits des individuellen Glücks aufzeigen? Ihnen eine Orientierung am Gemeinwohl nahe bringen? Den Spruch „Wenn jeder seinen Nutzen maximiert, ist es für alle am besten“ könnte man an einem liberalen Stammtisch erwarten, nicht aber unkommentiert in der Universität.
Die letzten Atemzüge der Ethikvorlesung für die Unternehmer von morgen sind nicht besonders erhellend, wenn man nach Ursachen für die aktuelle Finanzmarktkrise sucht. Oder wenn man hofft, dass die ökonomischen Fehler nicht wiederholt werden.

Wer hört auf einen Moralisten, wenn das Geld strömt? - Foto SN
Wer sind aber nun die Schuldigen? Der Ruf nach Verantwortung wird angesichts solcher enormen Krisen immer größer. Das Echo, das zurückschallt, kommt von den Wirtschaftsethikern. Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugmann warnte schon vor Jahren vor dem Schein des US–Immobilienmarktes; ein Wettbewerb ohne Regeln und Vernunft könne auf Dauer keinen Bestand haben. Aber wer hört schon auf einen Moralisten, wenn das Geld strömt?
Dabei ist es gerade jetzt Zeit, an dem Erbe zu arbeiten, das den nächsten Generationen hinterlassen wird. Der jährliche Schaden an Ökosystemen soll laut EU-Studien pro Jahr fünf Billionen US-Dollar betragen. Die Auswirkungen mögen sich jetzt noch nicht so extrem zeigen, aber Experten warnen vor den Folgen, die unsere Nachkommen zu tragen haben. Dieses Erbe kann nur gemildert werden, wenn heute schon Verantwortung übernommen und die nachhaltige Entwicklung gefördert wird.
Moralische Probleme in der Wirtschaft stellen sich aber nicht nur langfristig: Auch hier und heute bekommt man sie zu Gesicht – auf der sogenannten Mesoebene, der Ebene der Unternehmen. So hört man von einer Discount-Kette, die ihre Mitarbeiter systematisch ausspioniert oder riesigen Konzernen, die hallenweise Lockvogelangebote anbieten. Über einige Unternehmen liegen sogenannte Schwarzbücher vor, die Ansammlungen von Negativbeispielen beinhalten. Betroffen sind hier nicht nur die Aktienkurse der Unternehmen, sondern vor allem das Humankapital, die Menschen.
Studenten der Wirtschaftswissenschaften sollten lernen, dass sie die Theoriegebilde nicht immer als gegeben annehmen dürfen. Zu viele Dozenten präsentieren die wirtschaftlichen Modelle unhinterfragt und lassen die optimalen Entscheidungen der Firmen mit dem Taschenrechner ermitteln. Gerade dort muss die Wirtschaftsethik ansetzen und nicht das neoklassische oder das neoliberale Modell vertreten. Doch ist die Zukunft der Wirtschaftsethik an der Universität Kiel ohnehin ungewiss. Es sollen wohl keine Mittel mehr bereitgestellt werden, um die Kooperation der Wirtschaftswissenschaftlichen und der Philosophischen Fakultät beizubehalten. Es wird gemunkelt, dass dies etwas mit dem Ministerwechsel zu tun habe. Wie viel Geld muss aber aufgewendet werden, wenn wir mit ethisch und moralisch inkompetenten Managern in die nächste Krise schlittern?