Der Albrecht
Unabhängige Hochschulzeitung an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Kopulieren in der Krise

Not macht erfinderisch. Je größer die Not, desto eigentümlicher die Erfindung. Zum Beispiel: Die Welt steckt in einer veritablen Finanzkrise. Steinbrück merkelt daraufhin geschwind ein Rettungspaket von mal eben 500 Milliarden Euro zusammen – Problem gelöst. Oder: Der Mensa-Küchenchef in Bedrängnis. Er hat noch 250 Tonnen Hacksteak, die noch unbedingt weg müssen. Außerdem muss das Silo mit dem Maggi-Tomatensoßenpulver dringend renoviert werden. Was also tun?

Klaro – einfach mal was Neues versuchen. Hmm, lecker Hacksteak mit Tomatensoße und, ach ja, Reis. Die Studenten werden schon nicht merken, dass sie mit dem Verzehr der innovativen Speise kulinarisches Neuland betreten.

Die Kreativität des Chefs muss im wahrsten Sinne des Wortes das arme Hacksteak ausbaden, das mutwillig in einem Tomatensoßenmeer ertränkt wird. Denn schließlich muss das Silo auf dem Hinterhof leer werden. Dementsprechend schaut mich das Steak hilfesuchend an, als wolle es sagen: „Rette mich… iss mich auf, schmeiß mich weg, irgendwas… nur raus hier…“

Wenden wir uns nun vom Drama auf dem Mittagstisch ab und betrachten mit der Neugier des Wissenschaftlers eine weitere Not, die nach Erfindungsreichtum schreit: Das dringende Bedürfnis nach Geschlechtsverkehr. Möglichst zeitnah, möglichst häufig und möglichst erfüllend.

Nun gibt es ja Kommilitoninnen und Kommilitonen, die gelegentlich, ich drücke es nett aus, Abwechslung suchen. Ich spüre jetzt schon, während ich am Schreibtisch sitze und diese Zeilen schreibe, dass ein nicht geringer Teil von Ihnen entrüstet zusammenzucken und sich hastig umschauen wird, ob sie auch niemand beim Lesen dieses moralisch verderbten Artikels beobachtet. Doch seien Sie tolerant, liebe Leser. Ich bin es auch. Wenn ich gute Laune habe.

Bis zu einem gewissen Punkt. Denn diese Anzeige, die mir vor dem Klo der Mensa II auffiel, zeugt von sowohl akuter Wollust als auch einer Spur Frechheit: „Zweite Frau für extra geilen Dreier gesucht! Melde dich mit Bild bei: ICQ…“

Der Zettel mit der sich vor Geilheit krümmenden grünen Schrift gibt dem schwarzen Brett und all seinen „Verkaufe kaputten Wäschetrockner“- und „Suche stubenreinen Mitbewohner“-Anzeigen eine noch, sagen wir, metropolitanere Note.

Ich sage es ja: Not macht erfinderisch. Warum also nicht auf dem schwarzen Brett nach moralisch höchst bedenklichem Sex suchen, der finalen vögelnden Vereinigung fremder Versauter? Das ist doch immerhin ehrlicher als das, was ich und mit mir geschätzte 10.000 weitere Studenten praktizieren: Wir ersticken unseren Trieb im Keim, indem wir uns dem abturnenden Hacksteak und der Tomatensoßenüberschwemmung aussetzen. Wer ist hier also das arme Schwein?

Kommentar hinterlassen