Der Albrecht
Unabhängige Hochschulzeitung an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Wenn Atmen zum Problem wird

Ein Probenbesuch bei der Theatergruppe Rollentausch

von Tim Goslar

Im Januar wird die Theatergruppe Rollentausch Goethes Faust auf die Bühne bringen – beide Teile. Eine gewisse Vorfreude lässt sich angesichts dessen nicht leugnen und damit verbunden eine ebenso gewisse, doch sicherlich noch unbestimmte Erwartung. Zuletzt inszenierte Peter Stein im Jahr 2000 den gesamten Faust. Ein enormer Aufwand. 12110 Verse, gemäß der Vorlage, forderten 19 Stunden auf der Bühne. Ein Marathon. Beruhigend, dass auch Stein den zweiten Teil nicht sogleich verstand. Er „wusste natürlich, dass Faust II ein großartiges Werk ist“, denn das „wissen ja alle. Nur, was da drin steht, ist einem nicht helle geworden“, sagte Stein im Gespräch mit dem ZDF anlässlich der TV-Adaption seiner Inszenierung.

Vielleicht ergeben sich durch die unmittelbare Nähe zu den Vorbereitungen im Sechseckbau neue Einsichten. Zudem scheint besagtes Stück laut Ankündigung nicht allzu schwer verständlich – zwei Sätze reichen aus, um das Wesentliche auf den Punkt zu bringen.

Bettina Hansen ist die Verantwortliche hinter den Kulissen. Bereits seit ihrer Jungend widmet sie sich dem Theater. Zunächst selbst als Darstellerin, später dann, und das seit nunmehr fünfzehn Jahren, als Regisseurin mit ihrem Konzept der Theatergruppe Rollentausch. Den einzigen festen Kern bildet sie selbst, die Darsteller sucht sie sich für jedes Stück neu, dem Stück angemessen. Die Anfrage, den Proben beiwohnen zu dürfen, erwidert sie mit freundlicher Bereitschaft.

Am Sechseckbau angekommen, bleibt ein Schmunzeln nicht aus. Dass die Vorbereitungen in vollem Gange sind, ist unübersehbar. Farbtöpfe, Zeitungen, die als Unterlagen dienen, Holz, mehr oder minder in Form gebracht und ein Bühnenbild in Fragmenten. Alles wirkt ein wenig provisorisch und durcheinander. Nicht jedoch die Regisseurin, denn letztlich sei das normal. Immerhin habe man noch zwei Wochen – mehr als genug Zeit. Mitsamt Unterlagen und Anlage in unmittelbarer Reichweite koordiniert sie ihre Darsteller in Teilen des Stücks, in vereinzelten Szenen, noch gelöst vom Ganzen.

In der Mitte der Bühne steht eine drehbare Plattform. Links und rechts davon Gerüste, mittig durch Vorhänge wenig dessen preisgebend, was sie verbergen sollen, an den Seiten offen. Die erste Szene wird geprobt. Doch die Darsteller hinter den Vorhängen bleiben kaum unbemerkt, schauen neugierig hervor, wenn wieder einmal etwas nicht lief wie geplant. Bettina Hansen lässt die Szenen noch einmal von vorne spielen. Dann ein verzweifelter Ausruf Gretchens: „Jetzt habe ich wieder geatmet“ – oft sind es die Darsteller selbst, die wissen, dass etwas nicht stimmig war. Und wenn einmal nicht, führen eindeutigere Anweisungen wie „Mir ist es scheißegal, ob du das fühlst“ und die entschlossene Bereitschaft diese umzusetzen: „Ich verstehe es nicht, aber ich mache es“, letztlich doch zum gewünschten Ergebnis.

Bei den Proben im Sechseckbau - Foto BK

Bei den Proben im Sechseckbau - Foto BK

Die provisorischen Umstände erheitern zusehends und erfordern Phantasie. Gretchens Kind ist ein Schal, der Schal wiederum, der dazu dient, Faust die Augen zu verbinden, sitzt zu eng, wird somit gegen ein Tuch mit Tigermuster ausgetauscht. Auf dem Putzeimer prangt der Name eines Ketchupherstellers, in dem Gretchen zu guter Letzt ihren Schal ertränkt. Subtile Kapitalismuskritik? Doch was derzeit noch skurril anmutet, sind lediglich kleine Unebenheiten, die bis zum Zeitpunkt der ersten Aufführung geglättet sein werden. Skizzen, deren Konturen immer wieder von Neuem nachgezogen werden, Teile eines Puzzles, das Bettina Hansen seit zehn Monaten zusammen setzt. Bis alles an Ort und Stelle ist. Noch laufen alle Fäden bei ihr zusammen, Kostüme und Bühnenbild unterliegen letzten Modifikationen, noch wird experimentiert, doch ab der ersten Hauptprobe hat sie nichts mehr zu sagen. Das Stück wird sich selbst und den Darstellern überlassen. Dieses von Grund auf zu konstruieren, Text kürzen, Darsteller aussuchen, Bühnenbild konzipieren, Licht und Ton koordinieren, die Aufführung versuchen in die richtige Form zu bringen, sie dann aber wiederum loslassen zu müssen, „das ist die Schwierigkeit und das Schöne“.

Tag zwei der Probenbesuche verspricht einen Durchlauf des gesamten Stücks. Die Darsteller sind diesmal annähernd vollständig kostümiert. Viele Stellen, die letztes Mal noch ein wenig holprig waren, sitzen mittlerweile. Die Zuversicht angesichts der verbleibenden Zeit und des provisorischen Zustands scheint nicht weiter verwunderlich. Nach einer Pause erfolgt die Probe des zweiten Teils. Zuvor bewirkten behelfsmäßige Utensilien eigentümliche Kuriositäten, nun regt sich hingegen der Verdacht, dass sämtliche Sonderbarkeiten gewollt sind. Gott schraubt während seiner Anwesenheit permanent an einem Radio und einige Kostüme erinnern an das, was derzeit entweder unter dem Begriff Retro sein Unwesen treibt oder in Köln kurz vor Aschermittwoch zu sehen ist. Dennoch entlocken sie durchaus das ein oder andere Lachen. Und letztlich passt es zu dem oftmals unverständlich konfusen Bild der Fortsetzung Fausts. Die erhoffte Erkenntnis bleibt jedoch aus, die Verwirrung bleibt.

Ausgerechnet die komplizierteren Passagen sind kaum Bestandteil des Stücks. Doch ist ein Bühnenstück dadurch eher verständlich, dass es sich exakt an die gegebene Vorlage hält? Sicherlich erfahre jeder Text zur Aufführung notwendigerweise eine Kürzung, so die Regisseurin. Zudem „ist Goethe ein dramaturgischer Idiot. Er hat seine Stücke nicht geschrieben, damit sie aufgeführt werden.“ Die Kernpunkte seien ohnehin die Wette zwischen Mephisto und Gott sowie Fausts Erkenntnis gegen Ende – eine Kürzung somit nur angemessen und notwendig um Goethe auf die Bühne zu bringen. Und wer hat schon die Muße 19 Stunden lang einer Aufführung beizuwohnen?

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