Der Albrecht
Unabhängige Hochschulzeitung an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

“Frauen an die Macht”

von Lena-Johanna Oeffner und Hendrik Lux

Seit 1908 dürfen Frauen in Deutschland in Parteien und Gewerkschaften eintreten, seit 1918 dürfen Frauen wählen, 1974 blieben Schwangerschaftsabbrüche erstmals straffrei. Die Gleichstellung hat eine lange Geschichte, aber ist sie schon an der Uni angekommen?

Jytte Dössel, AStA-Mitglied und Vorsitzende des Arbeitskreises Gleichstellung, hat sich mit dem Albrecht zum Interview getroffen. Den Arbeitskreis Gleichstellung stellen sechs Mitglieder: zwei Männer, vier Frauen. Die Gruppe besteht nach einer Abkehr von autonomen Strukturen wieder in seiner jetzigen Form. Jedoch wäre es dem AK der Unabhängigkeit und Handlungsfähigkeit Willen lieb, wieder in diese autonomen Strukturen zurückzukehren. Ziel des AK ist es, die Frauenquote in Bezug auf Professuren, wo sie unter neun Prozent liegt, zu erhöhen. Dieses will der AK erreichen, indem er besonders die Professorinnen anzusprechen und so ein Netzwerk zu schaffen versucht. Weithin fehlt die Sensibilität sowohl bei Studenten als auch bei Dozenten. Selbst die davon direkt Betroffenen, nämlich die Frauen, nehmen dieses Problem wenn überhaupt nur am Rande wahr. Als konkretes Vorhaben sind Veranstaltungen innerhalb einer Frauenwoche im kommenden Semester geplant.

DER ALBRECHT: Was genau sind Eure Ziele?

JYTTE DÖSSEL: Wir favovisieren definitiv eine Frauenquote. Die bereits existierenden Förderungsmaßnahmen sind sehr gut. Hierbei wird sich um die Vereinbarung von Beruf und Familie bemüht. Sie sind aber nicht ausreichend, Diskriminierung findet bereits vor der Familiengründung statt.

DER ALBRECHT: Wollt ihr eine Quote um jeden Preis, auch wenn der männliche Bewerber eigentlich die bessere Qualifikation aufweist?

JYTTE DÖSSEL: Das Problem zur Zeit ist eher, dass bei gleicher Eignung Männer bevorzugt werden.

DER ALBRECHT: Hast Du persönlich negative Erfahrungen gemacht?

JYTTE DÖSSEL: Nein, da man als Student damit zunächst nicht konfrontiert wird. Es ist ja so, dass der Frauenanteil an den Studierenden höher ist als der Männeranteil, jedoch verhält es sich bei Promotion und Habilitation eklatant anders. Zwar steigt der Promotionsanteil der Frauen und ist sogar relativ hoch, danach jedoch änderst sich dieses. Das hängt natürlich zum großen Teil mit der Unvereinbarkeit von Beruf und Familie zusammen.

DER ALBRECHT: Ist Konkretes geplant?

Jytte Dössel setzt sich für Gleichstellung ein - Foto AStA/JD

Jytte Dössel setzt sich für Gleichstellung ein - Foto AStA/JD

JYTTE DÖSSEL: An der Universität gibt es bereits verschiedene Förderungsprogramme wie zum Beispiel den Ausbau von Kindertagesplätzen in den Unikindergärten, aber ein weiterer Ausbau ist unbedingt nötig. Die bereits existierende Mutter- Kind-Beratung wird rege besucht, woran es mangelt, ist eine Kinderbetreuung für nachmittags und abends. Andernorts gibt es so etwas bereits, Kiel ist da rückständig. Unser nächstes Projekt ist die Frauenwoche vom 11.-14. Mai. Im Rahmen dieser werden unterschiedliche Veranstaltungen geboten: Es wird eine geschichtliche Eröffnung zum 100jährigen Bestehen des Frauenstudiums und 90 Jahren Frauenwahlrecht geben. Auch der Fortschritt diesbezüglich im Grundgesetz wird thematisiert werden. Im Anschluss daran wird in Form einer Podiumsdiskussion die Möglichkeit eröffnet, sich über das Thema Frauenföderung in der Wissenschaft auszutauschen. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf der Frage: Brauchen wir eine Frauenquote? Zusätzlich wird es kleinere Aktionen in Mensa und Audimax zur Sensibilisierung geben.

DER ALBRECHT: Habt ihr bereits erste Erfolge erzielt?

JYTTE DÖSSEL: Nein, es ist ein langwieriger Prozess. Die patriarchalischen Strukturen lassen sich nicht von heute auf morgen lockern. Erschwerend kommt hinzu, dass keine autonomen Strukturen vorhanden sind – sobald der AStA wechselt, wechselt auch der Vorsitz des AK Gleichstellung.

DER ALBRECHT: Was tut ihr dafür?

JYTTE DÖSSEL: Es findet ein regelmäßiger Austausch statt, wir treffen uns jeden 1. Dienstag zur Sitzung des AK Gleichstellung. Die Treffen sind offen für jeden, wir freuen uns über Zuwachs. Ebenso stehen wir in Kontakt mit der Gleichstellungsbeauftragten der Uni und denen der Fakultäten. Hier wird überprüft, ob Fortschritte bei der Gleichstellung erzielt werden. Hierzu reichen wir ihnen einen Fragebogen. Problematisch ist, dass die Gleichstellungsarbeit zusätzlich zum universitären Alltag des Beauftragten erbracht werden muss.

DER ALBRECHT: Was wünscht Ihr Euch von den Studenten? Was können sie tun?

JYTTE DÖSSEL: Sich selbst für das Thema Gleichstellung sensibilisieren, Männer wie Frauen sehen diese Probleme häufig nicht. Wer ein universitäres Amt bekleidet, sollte sich bereits vorab mit der Gleichstellung befasst haben. Im Zuge der Hochschuldidaktikkurse stellen wir uns eine Sensibilisierung gegenüber diesem Thema vor. Wir alle kennen den Satz: „Wenn sich keine Frauen bewerben, kann man sie auch nicht einstellen.“ Dies kann man so nicht stehen lassen: Frauen müssen dazu gebracht werden, sich zu bewerben.

DER ALBRECHT: Warum zögern Frauen denn, sich zu bewerben?

JYTTE DÖSSEL: Ein Aspekt ist sicherlich das Problem der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Abschreckung durch die patriarchalischen Strukturen. Die Bewerbungsmöglichkeiten sind zwar die gleichen, die Einstellung ist fraglich; schon im Vorwege müssen Sensibilisierungsprogramme verstärkt werden. Frauen müssen unterstützt werden. Dieses kann geschehen durch die sogenannte Mentorinnenausbildung oder durch Stipendien. Frauen müssen an die Wissenschaft herangeführt werden.

DER ALBRECHT: Wie genau verhält es sich mit der Hochschuldidaktik?

JYTTE DÖSSEL: Die Hochschuldidaktikkurse sind mittlerweile für neue MitarbeiterInnen verpflichtend. Wir können uns daher gut vorstellen auch einen Gleichstellungskurs verpflichtend zu machen, der die bestehenden Probleme bewusst aufzeigt.

DER ALBRECHT: Habt ihr schon Kontakt zu den Verantwortlichen der Hochschuldidaktik aufgenommen?

JYTTE DÖSSEL:Wir stecken noch in der genauen Planung. Eine vorsichtige Herangehensweise ist erforderlich, man darf niemanden überfahren. Es ist schließlich ein großer Umbruch, der geplant ist.

DER ALBRECHT: Vielen Dank für das Gespräch.

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