Listenreich
14. April 2009 | Kategorie: B. blogt 8 KommentareIch werde dazu gezwungen, ein ganzes Semester lang eine Vorlesung über „Konzentrische Kreise als Fruchtbarkeissymbol in der Malerei usbekischer Immigranten im ausgehenden 17. Jahrhundert“ zu besuchen. Es besteht Anwesenheitspflicht. Ich finde niemanden, der mich in die Listen einträgt. Und: Die Vorlesung ist komplett auf Usbekisch.
Dieses unglaublich anschauliche, weil schockierende Beispiel überzeugt, denke ich, auch den letzten Leser, der die Anwesenheitspflicht bei Vorlesungen für eine (Zitat) „geile Sache“ hält. Und ja, liebe Nicht-BA/MA-Studenten, es gibt sie tatsächlich, die Anwesenheitspflicht bei Vorlesungen. Früher undenkbar, heute Standard. Bologna sei gepriesen.
Es ist nämlich so, dass mit der Umstellung auf die neuen Abschlüsse die Verwaltung zwar schlanker werden und die Anmeldung zu den Kursen und Prüfungen noch effizienter, weil online stattfinden soll. Das Gegenteil ist aber der Fall. Seit der Umstellung auf BA/MA geht ein Gespenst um in Europa. Es ist ein gar geiles Gespenst, denn es ist ein Fetisch: Der Listenfetisch.
Irgendwer von ganz ganz oben muss sich an Listen derart berauschen, dass es nun eine wahre Flut an Listen gibt: Große Listen, kleine Listen, dicke Listen, dünne Listen, Anwesenheitslisten, Prüfungsanmeldungslisten, Äquivalenzlisten, Notenlisten, schwarze Listen… Das führt dazu, dass die Studenten gefühlte 347 Prozent mehr Formulare ausfüllen müssen als noch vor drei Jahren. Das kostet Zeit und Geld und Nerven. Aber irgendwer findet das anscheinend richtig anregend.
Unter Betrachtung des eingangs erwähnten alptraumhaften Beispiels stellt sich die Frage, warum es die Anwesenheitspflicht bei Vorlesungen eigentlich gibt. Eine befriedigende Antwort findet augenscheinlich niemand. Aber so wirklich abschaffen wollen die Listenfetischisten die Anwesenheitslisten auch nicht. Listig, wie sie nun mal sind, gebären sie also einen Kompromiss: Die pädagogisch erwiesenermaßen komplett sinnfreie Anwesenheitspflicht bleibt bestehen. Das Rektorat empfiehlt jedoch von nun an, bei Vorlesungen mit mehr als 100 Hörern die Anwesenheit nicht mehr zu prüfen.
Dem mitdenkenden Menschen stellen sich nun zwei Fragen: Warum kommt dieser wagemutige Vorstoß gerade jetzt, zwei Jahre, nachdem die meisten Studiengänge umgestellt worden sind? Und was zum heiligen Bullen von Bologna unterscheidet Vorlesungen mit weniger als 100 Hörern von größeren Vorlesungen?
Ich als Hobbymediziner diagnostiziere anhand dieser präzise gestellten Fragen und der fiktiven Antworten darauf folgende Krankheit: morbus dimidii faciendi – das Etwas-zur-Hälfte-tun-Syndrom. Wir trauen uns nicht, das, was wir eigentlich wollen, auch wirklich zu machen, also tun wir’s zur Hälfte. Das ist so, als wenn der Bundestag die Soldaten nicht nach Afghanistan geschickt hätte (zu gefährlich!), sondern nur irgendwie in die Richtung, aber nur so ein bisschen. Nach Bulgarien, zum Beispiel. Da gibt’s auch nette Badestrände. Das Ziel, Afghanistan zu befrieden, wird so aber nicht erreicht.
Morbus dimidii faciendi ist jedoch eine Krankheit, die vor allem Entscheider im Bildungssektor befällt. Bundesbildungsministerin Schavan ist ein weiteres Opfer. Symptom: Sie schlug neulich vor, „Top- Leute“ aus der Wirtschaft an die Schulen zu schicken, um des Lehrermangels Herr zu werden.
Als Therapie schlage ich den erkrankten Entscheidern eine Kur an der Basis vor. Das Rektorat möge sich eine überfüllte Vorlesung mit Anwesenheitspflicht antun und Frau Schavan möge eine Unterrichtsstunde besuchen, die ein Top-Manager in einer sechsten Klasse gibt. Das kuriert.
Sehr schön. Vor allem der letzte Absatz
Danke. Und vor allem: Danke für den ersten Kommentar ever auf dieser Homepage! Ich hoffe, es folgen noch gaaaanz viele…
Warum studierst du ein Fach, bei dem dir die Vorlesungen keinen Spass machen?
Ich teile deine Meinung in keinen der Aufgeführten Punkte. Deine Vergleiche sind einfach nur schwachsinnig! Du sprichst NUR für dich und nicht für Mehrheit der Studenten – bedenke dies, wenn du solche Artikel schreibst.
Es ist traurig, dass der Albrecht solche ideologischen Beiträge druckt.
Hochachtungsvoll,
Die neue Generation der Studenten
Zunächst mal wäre es schön gewesen, wenn du einen richtigen Namen und eine richtige Mailadresse angegeben hättest. Nur so, damit ich eine klitzekleine Ahnung habe, mir wem ich mich unterhalte.
Es ist dein gutes Recht, meine Meinung nicht zu teilen. Ebenso ist es dein gutes Recht, sämtliche Vorlesungen zu besuchen, die du willst. Ich frage mich: Welches Interesse hast du daran, dass die Anwesenheit bei Vorlesungen kontrolliert wird? Siehst du darin irgendwelche Vorteile? Das wäre doch mal interessant zu wissen. Nur rumpupen ist nämlich langweilig. Finde ich. Und ich spreche dabei natürlich NUR für mich, is klaa.
Schön, dass du antwortest. Ich bleibe aber dennoch erstmal Anonym. Soviel aber: Bachelor VWL.
Bei der Anwesenheitspflicht stimme ich dir sogar zu. Es gibt nur ein Problem: Wenn die Klausuren am Ende des Semesters so leicht sind, dass man einfach 2 Tage vorher dafür lernt, und besteht. Wo ist dann der Sinn der Uni? Was soll man also machen? Anwesenheitspflicht, oder Klausuren so schwer, dass man nur bei Vorlesungsbesuch bestehen kann? Ansonsten hat die Uni seine “Signalwirkung” für den Arbeitgeber verloren.
Hauptsächlich hat mich auch nur Aufgeregt, dass du meiner Meinung nach sehr Übertrieben hast: “gefühlte 347 Prozent mehr Formulare ausfüllen müssen”…ich muss max. eins pro Semester ausfüllen – bin aber auch ein anderer Studiengang, und noch am Anfang des Studiums. Mit der Bürokratie hatte ich bisher keine Probleme, und das kenne ich aus Geschichten von VWL-Diplomern ganz anders. Welche Formulare musst du denn ausfüllen?
Oder: zur Anwesenheitspflicht “Früher undenkbar, heute Standard” Ich habe in den ersten 4. Semestern KEINE einzige Anwesenheitspflichtige VL!
Und bitte verrate mir doch nun, warum du eine VL auf Usbekisch hören musst? Außer natürlich du studiert dieses Fach, doch dann macht deine Argumentation keinen Sinn.
Und ich respektiere natürlich auch andere Meinungen, finde den Text von dir nur übertrieben.
Der Volkswirt
Warum anonym? Ich bin doch auch nicht anonym. Wirst du bei den VWLern für deine Meinung geschlagen?
Es sollte beim Studium ja nicht um die Klausuren gehen und wie man sie besteht. Klausuren an sich sind eine unsägliche Erfindung – der langfristige Lerneffekt tendiert zumindest bei mir gegen Null. Ich erinnere mich besser an die Dinge, über die ich eine Hausarbeit geschrieben habe (d.h., mit denen ich mich intensiv und selbstbestimmt beschäftigt habe) als an die Dinge, die ich mal irgendwann für eine wie auch immer geartete Klausur gelernt habe.
Having this in mind ist deine Frage nach den Klausuren meiner Meinung nach irrelevant. Natürlich soll man im Studium etwas lernen; das Studium aber als eine reine Weiterführung der Schule zu betrachten, ist widersinnig.
Ich spreche da allerdings gezwungenermaßen für die Geisteswissenschaftler, zu denen du ja nicht gehörst. Bei VWL mag es richtig und wichtig sein, dass jeder VWLer genau das weiß, was er wissen muss und mehr nicht. Da mögen dann Klausuren ein gutes Mittel sein, um das zu prüfen.
DU musst vielleicht nur ein Formular ausfüllen – kann schon sein. ICH fülle die Dinger jedes Semester im Dutzend aus – für jeden Kurs, in dem geprüft wird, eins. Denn die Anmeldung zu den Prüfungen läuft seit der Einführung des Bachelors anscheinend wieder über das gute alte Papier ab. Wohlgemerkt: Die Anmeldung zu den Prüfungen. Die Anmeldung zu den Kursen geht teilweise analog über Listen, die irgendwo hängen (Latein, Nordistik) oder über eines der zwei Onlinesysteme SVS bzw. LSF (Geschichte, Anglistik). Das ist also noch mal was Anderes.
Man könnte also sagen: Ich studiere Geschichte und Anglistik, Abschluss Bachelor, mit der Fachergänzung angewandte Anmeldungsstudien.
Anwesenheitspflicht ist heute Standard in den Fächern, in denen ich mich bewege – yes. In den letzten Semestern gab es bei JEDER Vorlesung in Geschichte und Englisch Anwesenheitspflicht.
Du hast den Text an zwei Punkten nicht ganz verstanden:
- Das Beispiel mit Usbekisch ist nur ein Beispiel. Das heißt: Es ist exemplarisch. (Oh, Latein…) Und ein bisschen übertrieben.
- DIe Übertreibungen dienen als Stilmittel, wie es für Texte dieser (=meiner) Art üblich ist. Es handelt sich um einen “B. blogt”-Eintrag, und die sind, wie der Titel verrät, subjektiv. Ich füge hinzu: Sie sind auch übertrieben.
Was allerdings nicht heißt, dass sie nicht wahr sind.
Ein Beispiel, wo jemand Kurse in einer Fremdsprache belegen muss, die er nicht hat, sind nicht wahr! Das muss man einfach so sagen. Solche extremen Beispiel gibt es einfach nicht und sollten deswegen NICHT benutz werden.
Das bei dir ein Kurs in Latein gewesen ist, sollte dich als Geschichtsstudent also nicht aufregen. Latein gehört zum Anspruchsniveau bei Geschichte dazu.
Das bei euch alles noch per Formular läuft ist bedauerlich, aber NICHT die Schuld von Bologna, wie du es darstellst! Bei uns ist quasi alles online geregelt, DANK Bologna.
Und mit den Übertreibungen ist es immer so eine Sache. Die machen einen leider unglaubwürdig.
Und nochmal zur Anwesenheitspflicht: Ich bin gegen sie, ich höre also damit offiziell auf sie zu verteidigen. Denn nichts ist schlimmer als unmotivierte Studenten im Hörsaal – Und bei uns gibt es davon viele….
Geschlagen werde ich von den VWL wegen meiner Meinung eigentlich nicht….dann doch eher von den BWLern…
Welche Beispiele ich benutze, würde ich dann doch gern selber entscheiden, vielen Dank.
Niemand hat gesagt, dass bei mir ein Kurs auf Latein gehalten wurde…?! Das kommt selbst in Latein unerwartet selten vor, glücklicherweise.
Zum Thema “Latein gehört zum Anspruchsniveau bei Geschichte dazu” könnten wir eine ganze Ausgabe herausbringen, behaupte ich. Zugegeben, nur deswegen, weil ich mich gerne acht Seiten lang darüber auslassen würde, wie toll und wichtig und super doch Latein ist, nicht nur für Geschichte, sondern auch für VWL, BWL, Jura, Physik, Ergotherapie und Klingonisch auf Staatsexamen.
Übertreibungen in einem handelsüblichen Artikel machen einen unglaubwürdig, dem stimme ich zu. Dies ist aber ein “B. blogt”. Da gibbet ‘nen Unterschied, wie der aufmerksame Leser sicherlich bemerkt…