X- tausendmal quer
14. April 2009 | Kategorie: Gesellschaft Keine Kommentare »von Hendrik Lux
Atomenergie beschäftigt die deutsche Öffentlichkeit seit mehreren Jahrzehnten. Unter der rotgrünen Bundesregierung wurde die Abkehr von der Energiegewinnung durch nukleare Reaktoren beschlossen und Restlaufzeiten für die Atomkraftwerke vereinbart. Seitdem wurden mehrere Reaktoren abgeschaltet und die Bereitstellung der Energie durch andere Träger gefördert. Aufgrund von Klimawandel und Finanzkrise wird der Ruf nach einer billigen und sicheren Energie wieder lauter. Kann die Energie aus den Kräften der Atome diese Kriterien erfüllen? Hier scheiden sich die Geister. Die einen verweisen auf hohe Sicherheitsstandarts in Deutschland und die gute CO²-Bilanz, die anderen beziehen sich auf die Unvermeidbarkeit von Unfällen und die strahlenden Altlasten. Der Ausgang der jetzt geführten Debatte wird die Bundesrepublik über Jahrzehnte hinaus prägen. Grund genug, hierzu mit einem Anti-Atom-Aktivisten zu sprechen: Jochen Stay, Jahrgang 1965, ist seit 1996 Sprecher der Anti- Atom Initiative “X-tausendmal quer” und war ein Jahr lang Öffentlichkeits-Referent bei Robin Wood. Daneben ist er bei diversen Aktionen in der Umwelt- und Friedensbewegung aktiv.
DER ALBRECHT: Wie sind Sie zur Umwelt- und Friedensbewegung gekommen?
JOCHEN STAY: Das war schon sehr früh, am Anfang der achtziger Jahre. Da war ich so 14 oder 15 Jahre alt. Aufgrund der großen Probleme wie dem nuklearen Wettrüsten haben wir Wetten abgeschlossen, wie lange es die Erde überhaupt noch gibt. Es machte sich eine No-Future-Stimmung breit und ein Teil resignierte. Ich habe beschlossen, gegen diese Probleme anzugehen und mir überlegt, was man machen könnte. Ich habe relativ schnell weitere Leute gefunden – gemeinsam macht das einfach mehr Spaß – und dann ging es los.
DER ALBRECHT: Wie haben Sie ihr Studium in Erinnerung?
JOCHEN STAY: Ich habe eigentlich nur 2 Semester Politik und Germanistik studiert. Die praktische Politik liegt mir wesentlich mehr und ich stand schnell vor der Entscheidung, ob ich Flugblätter oder Seminararbeiten schreiben sollte. Die Entscheidung fiel auf Ersteres. Es gab immer wieder Wichtigeres zu tun als zu studieren und ich habe mich dann entschieden, es auf meinem eigenen Weg zu versuchen. Bis heute habe ich keine Berufsausbildung und manchmal fragen mich Leute, ob ich gelernt habe, was ich so mache. Dann antworte ich: „Inzwischen schon“.
DER ALBRECHT: Manche sprechen schon von einer Renaissance der Atomkraft. Die Slowakei hat ein Atomkraftwerk wieder hochgefahren und CDU und FDP wollen im Falle eines Wahlsieges die Laufzeiten für deutsche Atommeiler verlängern. Was halten Sie davon?
JOCHEN STAY: Noch ist alles offen. Der Atomausstiegsbeschluss ist jetzt auch schon bald zehn Jahre alt und hat bis heute nicht stattgefunden. Die vereinbarten Restlaufzeiten sind so lang, dass bisher nur, glücklicherweise, die zwei kleinsten Atomkraftwerke vom Netz gingen. Aber die 17 großen AKWs sind weiterhin in Betrieb. Es wird von den Energiekonzernen sehr geschickt mit den im Atomgesetz festgelegten Reststrommengen pro Reaktor jongliert, um keines stilllegen zu müssen. Doch nach der Bundestagswahl wird eine Entscheidung anstehen, wie es mit der Atomenergie weiter gehen soll. Wenn das Atomgesetz bleibt, wie es ist, bedeutet dies, dass relativ schnell eine große Anzahl von Anlagen abgeschaltet werden. Viele reden von einer Renaissance der Atomkraft, aber ich sehe die bis jetzt faktisch nicht. Das sind größtenteils Propagandabehauptungen. Schaut man sich an, wie viele AKWs es weltweit gibt, so ist diese Zahl rückläufig.

Sicher ist sicher - oder nicht? - Foto aboutpixel / Bernd Boscolo
Auch die Zahl der Kraftwerke, die sich im Bau befinden, nimmt ab. Das heißt, die Bedeutung der Atomkraft am Weltenergiemarkt ist inzwischen bei 2,5% angekommen, also verschwindend gering. Es gibt nur sechs oder sieben Länder, die eine relevante Zahl an Atomkraftwerken haben. Seit dem Jahr 2000 sind es auch nur vier Länder weltweit, wo sich mehr als ein AKW im Bau befindet, in ganz Westeuropa sind nur zwei Reaktoren in Bau. 2008 war das erste Jahr seit 42 Jahren, in dem auf der ganzen Welt kein Atomkraftwerk in Betrieb genommen wurde. Es gibt eine Menge Länder, die Pläne für den Bau von Atommeilern haben. Da stellt sich aber immer die Frage der Finanzierung. Auch schon vor der Finanzkrise war der Bau eines AKWs immer ein hohes finanzielles Risiko. Nur in Ländern, die nicht nach marktwirtschaftlichen Prinzipien funktionieren, sondern wo der Staat entscheidet, werden heutzutage noch im großen Stil Atomkraftwerke gebaut. Ein Unternehmen, das Gewinn erwirtschaften will, wird kein AKW bauen. In Europa gibt es dieses Vorzeigeprojekt in Finnland. Dort wird unter Beteiligung von Siemens ein neues Atomkraftwerk gebaut. Die Firmen haben einen Festpreis von drei Milliarden versprochen, die Baukosten liegen jedoch schon bei 4,5 Milliarden. Siemens macht dadurch riesige Verluste, aber sie wollten unbedingt beweisen, dass sie auch heutzutage noch so ein Ding bauen können. Die Bayrische Landesbank gab Siemens dafür auch einen Kredit zu einem verschwindend geringen Zinssatz. Hier geht der finnische Energiekonzern also kein finanzielles Risiko ein. Anders wäre das AKW wohl nie gebaut werden. Auch die hiesigen Atomkraftwerke wären nicht rentabel, wenn die Energiekonzerne alle Kosten, die der Gesellschaft entstehen, selbst tragen müssten.
DER ALBRECHT: Sie sind auch Mitbegründer der Initiative „X–tausendmal quer“, wie kam das zustande?
JOCHEN STAY: Das war Mitte der neunziger Jahre nach den ersten beiden Castortransporten. Das Demonstrationsgeschehen war chaotisch und die Presse berichtete von Gewalt auf den Straßen; die Berichterstattung darüber wurde sehr hoch gehängt. Da haben wir gesagt, dass wir ein Aktionsmodell brauchen, an dem sich tausende Menschen beteiligen und das nach außen eine starke Wirkung hat.
DER ALBRECHT: Denken Sie, dass ihre Arbeit etwas bewegt?
JOCHEN STAY: Ja, sehr! Es gibt diese Grundhaltung in der Gesellschaft, dass man ja doch nichts ändern könne. Aber wir haben viel erreicht. Wenn man sich Gorleben anguckt und sich dann verdeutlicht, was da ursprünglich alles geplant war: Eine eigene deutsche Wiederaufbereitungsanlage, Plutoniumfabrik und so weiter. Das ist alles verhindert wurden. Wir haben das Problem, dass unsere Erfolge in der Regel unsichtbar sind. Auf einer Waldlichtung steht kein Schild „Hier wurde ein AKW verhindert – Demonstrieren lohnt sich“. Dafür sieht man die gebauten Kraftwerke und denkt sich, das hat ja alles nichts genutzt. Es gibt eine Schieflage in der Wahrnehmung von Erfolg. Grade Gorleben zeigt es: Wenn sich vermeintlich unwichtige Personen zusammenschließen, haben es auch die Mächtigen schwer, sich durchzusetzen.
DER ALBRECHT: Herr Stay, vielen Dank für das Interview.