Persönlichkeitsfindung auf hoher See
15. Mai 2009 | Kategorie: Gesellschaft Keine Kommentare »von Michael Saitner

An Bord muss jeder Hand anlegen – Schüler beim Segelpacken - Pressefoto
Eine schwimmende Bildungsstätte für Jugendliche und junge Erwachsene setzt wieder Segel. Aus einem 1930 erbauten Frachtensegler entstand von 1979 bis 1983 der Dreimast-Toppsegelschoner Thor Heyerdahl. Sie gilt in Deutschland als Vorreiter der Idee, Jugendlichen an Bord eines traditionellen Segelschiffes die entscheidenden Persönlichkeitsprägungen für ihre Fahrt ins Leben zu geben. Seit 2007 liegt das Schiff bei der HDW-Werft in Kiel und wird grundsaniert. DER ALBRECHT sprach mit dem Geschäftsführer der gemeinnützigen Betreibergesellschaft, Herrn Detlef Soitzek, über das Projekt.
DER ALBRECHT: Können Sie einmal kurz darlegen, was man sich unter dem Projekt Thor Heyerdahl überhaupt vorstellen kann?
DELTEF SOITZEK: Ziel unserer Arbeit mit dem Segelschiff Thor Heyerdahl ist es, junge Menschen in ihrer Selbständigkeit, ihrer Eigeninitiative und ihrem Verantwortungsgefühl zu stärken und sie auf die Anforderungen einer komplexen und globalisierten Welt vorzubereiten. Wir wollen ihnen Mut machen, selbst etwas anzupacken, um dabei zu entdecken, dass mehr in ihnen steckt, als sie vielleicht glauben. Unsere Teilnehmer werden aktiv und verantwortlich in den Schiffsbetrieb integriert – sie gehen Wache mit unserer ehrenamtlichen Stammbesatzung, machen Reinschiff oder Kombüsendienst. Höhepunkt ist immer die Übernahme des Schiffes durch die (jugendlichen) Teilnehmer. Unser Konzept fördert die Teamfähigkeit, die Verantwortungsübernahme und die Persönlichkeitsentwicklung der Teilnehmer – und bringt natürlich auch viel Spaß. Ein prägendes Motto unserer Arbeit ist: „To serve, to strive, and not to yield“. Sich selbst in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen, nicht zu rasten, an sich zu glauben und sich von Problemen oder Schwierigkeiten nicht aus der Bahn werfen zu lassen – all das kann an Bord vielfach erlebt und gelebt werden.
DER ALBRECHT: In den Kieler Nachrichten konnte man Mitte März lesen, dass die Thor Heyerdahl wieder Wasser unter dem Kiel hat. Ist das Schiff mittlerweile wieder seetüchtig?
DETLEF SOITZEK: Das Ausdocken verlief problemlos und war natürlich ein tolles Ereignis für uns. Momentan liegt die Thor noch an einer Ausrüstungspier bei HDW, wo letzte Sanierungsarbeiten durchgeführt werden. Am 15. Juni beginnt unsere Segelsaison 2009.
DER ALBRECHT: Wie kam es zu dazu, dass die Thor Heyerdahl so umfassend saniert werden musste? Wann wird das Schiff wieder in See stechen?
DETLEF SOITZEK: An einigen Stellen war die Dicke der Rumpfplatten unter der zulässigen Stärke – immerhin war der Rumpf schon 77 Jahre alt. Eine umfassende Sanierung war aus schiffbaulicher und wirtschaftlicher Sicht sinnvoller als eine stückweise Sanierung – deswegen haben wir uns zu diesem sektionsweisen Neubau entschlossen. Die ersten Törns mit der Thor Heyerdahl sind im Juni geplant – eine „Jungfernfahrt“ findet Mitte Juni statt. Pünktlich zur Kieler Woche werden wir also wieder in Betrieb sein. Für einzelne Törns gibt es übrigens auch zur Kieler Woche noch freie Plätze!
DER ALBRECHT: Wird es eine Möglichkeit geben, sich das sanierte Schiff anzusehen?
DETLEF SOITZEK: Wir bieten in dieser Saison Schnuppertörns für Interessierte, Freunde der Thor Heyerdahl und für die Kieler Bevölkerung an – die genauen Termine werden auf unserer Homepage veröffentlicht. Außerdem bietet unser zentraler Liegeplatz am Bollhörnkai Süd natürlich die Gelegenheit für einen kurzen Besuch an Bord – sofern der Schiffsbetrieb dies erlaubt.
DER ALBRECHT: Gerade für Studenten ist es sicherlich interessant, ob die Möglichkeit besteht, Teil der Stammmannschaft zu werden? Welche Voraussetzungen muss man erfüllen?
DETLEF SOITZEK: Wir bieten alljährlich Ausbildungstörns für Stammbewerber an – Segelkenntnisse sind hilfreich, aber nicht erforderlich. Man sollte jedoch schon einmal auf einem Törn auf der Thor Heyerdahl als Trainee mitgefahren sein, um zu wissen, auf was man sich einlässt. Auf der Homepage des STH eV erhält man Informationen, außerdem sollten Interessierte Kontakt zu unseren Stammsprecherinnen aufnehmen – die helfen gerne weiter!
DER ALBRECHT: Wie sind Sie dazu gekommen, dieses Projekt zu starten, was waren Ihre Beweggründe?
DETLEF SOITZEK: Seit 1977 hatte ich die Idee, mit einem Großsegler erlebnispädagogische Jugendarbeit durchzuführen. So ersteigerte ich 1979 die damalige Minnow und jetzige Thor Heyerdahl und baute mit meinem damaligen Partner vier Jahre lang den Segler aus. Der norwegische Forscher Thor Heyerdahl, an dessen Tigris-Expedition ich 1977-1978 als Navigator teilnehmen durfte, war dann gern bereit, dem Schiff seinen Namen zu geben und es zu taufen. Am 08.Mai 1983 konnten wir dann auf der Jungfernfahrt mit Thor Heyerdahl und Ehrengästen an Bord erstmalig in der Kieler Außenförde Vollzeug setzen – das war ein bewegender Moment!
DER ALBRECHT: Wie sieht die Zukunft der Thor Heyerdahl aus? Welche Reisen werden Sie in diesem Jahr durchführen?
DETLEF SOITZEK: Diese Saison ist so gut wie ausgebucht – wir werden neben Tages- und Abendfahrten zur Kieler Woche vor allem Jugendreisen durchführen, aber auch Erwachsene kommen in den Genuss unseres erlebnispädagogischen Konzeptes. Unser Törnplan bietet neben Wochenenden und Wochentörns auf der Ostsee auch im Rahmen unserer Summerschool 2009 einen vierwöchigen Törn mit Schülern nach Norwegen an, bei dem es Englischunterricht an Bord gibt. Im Oktober 2009 wird die Thor Heyerdahl dann im Rahmen des KUS-Projektes (Klassenzimmer unter Segeln) der Universität Erlangen-Nürnberg zu einer sechsmonatigen Reise mit Zehntklässlern nach Mittelamerika auslaufen.
DER ALRBECHT: Wir danken Ihnen für das Gespräch.
Weitere Informationen zum Projekt und Mitwirkungsmöglichkeiten:
www.th-sailing.de
www.thor-heyerdahl.de
0431 / 67 77 57