Der Albrecht
Unabhängige Hochschulzeitung an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Blah

Nach sechs Wochen unerquicklicher Arbeit an erstaunlich langweiligen Hausarbeiten freut sich der handelsübliche Student, seine Semesterferien so begehen zu können, wie der Rest Deutschlands denkt, dass er es ohnehin tut: Emsig an der Matratze horchend.

Umso unerfreulicher ist es dann, wenn das Schicksal wie ein Dozent auf Droge den Rotstift zückt und die schöngeistig-schlummernden Pläne des Studenten effektvoll durchkreuzt.

So wie neulich. Ich kämpfe mich gerade durch morgendliche sittenwidrige Träume, da klingelt es an der Tür. Es ist 9:03 Uhr.

Ich schlurfe also hin, öffne und starre entnervt in den leicht modrig riechenden Hausflur, in der Erwartung, morbide grinsende Zeugen Jehovas zu entdecken, die mich vom morgigen Ende der Welt überzeugen wollen.

Die Zeugen Jehovas tragen heute aber ihre Ausgehuniform, denke ich noch, als es auf einmal spricht: „Guten Morgen, Firma techem, ich komme, weil blah … Aushang im Treppenhaus … Installierung eines Zählers … blah … Keller … und den Wasserhahn jetzt mal aufdrehen.“

Ich verstehe nur Bahnhof. Das sieht man mir anscheinend an, und so bahnt sich der techem-Mann an dem wirren, aus dem Mund stinkenden Wesen mit dem blaukarierten Schlafanzug, das ich bin, einen Weg vorbei und findet auf Anhieb das Badezimmer. Ich schlurfe hinterher.

Der Mann erzählt munter weiter.

„Ja blah. Und Zähler … besser messen … Wasserhahn auf, Druckluft blah … wollen wir ja nicht, nech? Haha.“ Und er dreht meinen Wasserhahn auf.

Dass da nichts rauskommt, wundert mich nur deswegen nicht, weil ich ohnehin nichts von dem ganzen Geschehen mitbekomme. Also nicht etwa deswegen, weil ich seine Ausführungen über das Wesen unserer Wasserversorgung im Allgemeinen und die Pläne der techem-Männer für den heutigen Tag im Speziellen verstanden hätte.

Munter redend bahnt sich der techem-Mann den Weg zurück zur Tür, spricht sowas wie „Auf Wiedersehen“ und verschwindet in den Weiten des modrigen Flurs. Ich beschließe, dass ich noch träume und gehe in gewohnter Konsequenz wieder ins Bett.

Das Einschlafen gestaltet sich schwierig, weil ich jetzt alle zwei Minuten im Hausflur eine Klingel höre und eine freundliche Stimme, die zu einem Monolog über die Wasserzähler ansetzt.

Trotzdem befinde ich mich gerade wieder auf dem Weg ins Reich der Träume, als es um 9.36 Uhr an der Tür klingelt. Entnervt schäle ich mich aus der Bettdecke.

Wenn das jetzt die Zeugen Jehovas sind, reiße ich mir die Klamotten von Leib, stecke mir zwei Korken in die Nasenlöcher, übergieße mich mit H-Milch und gebe mich, die Monogamie verfluchend und den modrigen Flur mit meiner Klobürste segnend, als Reinkarnation unseres Herrn Jesus Christus (dem Jahwe sein Sohn) zu erkennen. In Gedanken habe ich die Korken schon in der Hand, da erkenne ich, dass es wieder nur der Mann von techem ist, der zu einem entschuldigenden Monolog ansetzt: „Ja, das tut uns nun leid, blah … technische Schwierigkeiten, wir können den Zähler nicht anbringen blah … neuer Aushang dann … blah …“

Redend eilt er in mein Badezimmer, dreht meinen Wasserhahn zu und sondert einen Scherz ab, vielleicht den: „Wir wollen ja nicht, dass bei Ihnen das Wasser läuft, wenn Sie nicht da sind, nech? Haha.“ Entschuldigt sich und geht.

Ich stehe da wie dem Jahwe sein Sohn ohne Latschen und schwinge mich, nun doch unerfreulich wach, in mein Bett.

Ich versuche mit Gewalt, einzuschlafen. Und weil das nicht geht, liege ich da und höre dem techem- Mann zu, wie er den Rest des Mietblocks über seine technischen Schwierigkeiten informiert, die Wasserhähne zudreht und denselben Witz macht, haha.

Als der techem-Mann endlich fertig ist, könnte ich schlafen.

Kann ich aber nicht.

Ich stehe auf.

Wenn jeder Tag so anfangen würde, wäre ich ein potentieller Amokläufer. Und alle Welt würde denken, die Killerspiele wären Schuld.

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