Der Albrecht
Unabhängige Hochschulzeitung an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Bibliotheksbesuch

Ich ahnungsloser kleiner Student, in meinem Wesen friedfertig und niemandem etwas Böses wollend, bin neulich in die Bibliothek gegangen. Und zwar nicht irgendeine Bibliothek, o nein, sondern in die Fachbibliothek für Anglistik.

Ich bahne mir also meinen Weg vorbei an der Bibliothekswächterin, die meinen Bibliotheksausweis als Pfand bei sich behält (denn ich könnte ja mit einem Arm voller kostbarer Bücher aus dem Fenster springen).

Gut vorbereitet, wie ich nun mal standardmäßig bin, weiß ich auch schon die Signatur des von mir gesuchten Buches: Sie lautet 001 MEY Eng. Herzlichen Glückwunsch.

Nachdem ich den mehrstöckigen Raum betreten habe, sehe ich als erstes zu meiner Linken ein paar Regale mit offenkundig englischen Büchern, die nach Jahrhunderten geordnet sind. Das bringt mir nicht viel, weil ich ja nur die Signatur meines Buches weiß, aber nicht, in welchem Jahrhundert der Autor gelebt hat.

Ich gehe unbeirrt weiter und finde eine Treppe tiefer einen gar illustren Haufen von Regalen mit Aufschriften wie „800“ oder „427.1“. Das ist doch schon mal schön, hier scheint es nach Nummern geordnet zu sein. Ich suche also die Nummer 001. Die gibt es natürlich nicht. Dafür scheint es die Nummern 800 bis 899 umso öfter zu geben.

Ich gehe noch eine Treppe tiefer. „American Fiction“, heißt es da auf den Regalen, die sich mir monströs entgegenrecken. Ja, weiß denn ich, ob es American Fiction ist, was ich suche??? Ich weiß doch nur die Signatur!

Noch eine Treppe tiefer. Das Licht ist schummrig. Ich sehe eine große, hagere Gestalt, die in einem Abstand von etwa 30 Zentimetern vor einem großen Regal steht und bewegungslos auf eine bestimmte Stelle dieses Regals starrt. Ob das einer dieser grusligen Lehramtsstudenten ist, die ihr Erstes Staatsexamen nicht geschafft haben und nun dazu verdammt sind, auf ewig ein Leben in der Uni zu fristen? Schnell gehe ich geradeaus weiter, in der Hoffnung, vielleicht einen hell erleuchteten, wohl temperierten Raum zu finden, über dem in großer, gut lesbarer Schrift ein Schild mit der Nummer 001 prangt.

Fehlanzeige. Es wird noch dunkler. Es riecht muffig. Ich sehe einen kleinen, vergilbten Zettel an der Wand kleben, auf dem „Lichtschalter“ steht. Haha, sehr witzig.

Ich eile weiter. Gelange in einen hell erleuchteten Raum, der wohltemperiert ist. Das ist schon mal gut. Leider hat sich dort die portugiesische Literatur versammelt. Mit dazugehöriger Sekundärlitatur!

Brauche ich aber nicht.

Ich entdecke nach hektischer Suche eine kleine Treppe, die ich kurz entschlossen auch benutze. Ich bin im obersten Stockwerk und blicke mich verstohlen um … vielleicht ist hier ja die Signatur 001? Doch alles, was ich sehen kann, sind Regale mit sehr französischen Büchern. Hier bin ich wohl falsch. Die Franzosen an den Arbeitstischen gucken mich schon ganz angewidert an.

Ich schleiche weiter, vorbei an weißen Regalen mit obskuren Nummern. Vorbei an emsig arbeitenden Menschen, die die Bücher über katalanische Suffixe und galizische Adverbien anscheinend äußerst inspirierend finden. Ich ekele mich ein wenig und ergreife die Flucht.

Mir reicht’s. Ich gehe jetzt professionelle Hilfe holen. Marschiere festen Schrittes ins obere Stockwerk, denn da wohnen die freundlichen Mitarbeiterinnen der Bibliothek, das weiß ich. Ich flehe um Hilfe. Ich schildere meine verfahrene Situation. Ich setze meinen Hundeblick auf.

Und tatsächlich, ich werde erhört. Blondie und ich machen uns auf den Weg, das Buch mit der hehren Signatur 001 MEY Eng zu suchen.

Um es kurz zu machen: Wir finden es nicht.

„Ist ja komisch, dass das hier nicht ist …“

„Ach ja …?!“

„Ich bin ja auch erst seit März hier …“

„Argh!“

„Was?“

„Nichts, nichts …“

Ich widerstehe dem Drang, mit meinem Kopf gegen das Regal „American Fiction“ zu hämmern.

Blondie sagt jetzt mit fester Stimme: „Ich frage jetzt Frau Wrmblzmbl.“ (Den Namen der Bibliothekswächterin habe ich bis heute nicht verstanden, obwohl ich ihn schon öfter gehört habe).

Frau Wrmblzmbl schaut Blondie amüsiert an. Und als Blondie fragt: „Wissen Sie, wo 001 ist?“, da sagt sie schlicht: „Ja.“

Und deutet auf den Zeitschriftenraum, fünf Meter Luftlinie von ihrem Schreibtisch entfernt. Blondie zeigt mir noch schnell den Zeitschriftenraum und entschwindet wieder. Ich bin nun allein mit einer Horde englischer Zeitschriften in einem gut beleuchteten, wohl temperierten Raum. Jedes Buch hier trägt die Signatur 001 (die Zeitschriften sind mit einem dicken „Z“ gebrandmarkt) … es ist ein bisschen wie im Himmel … das leise Summen und Surren der Neonleuchten …

Ich schnappe mir Buch 001 MEY Eng (English and American Literatures) und frage mich, wieso Bücher mit der Signatur 001 im Zeitschriftenraum stehen. Aber das versteht wohl nur Frau Wrmblzmbl.

Der Autor bloggt auch unter das-unwort.de

Kommentar hinterlassen