Gallienus gesucht
21. Juli 2009 | Kategorie: B. blogt 3 Kommentarevon Bastian Kruse
Ich bin dieser Tage quasi gezwungen, dem Geschreibsel mir gänzlich unbekannter Personen hinterherzujagen, und das auch noch in einer beängstigenden Umgebung.
Ich orientierungsloser Historiker-Azubi sitze nun also seit einer Woche jeden Tag vor den ächzenden Rechnern der Bibliothek und filtere die kryptischen Suchergebnisse nach Brauchbarem. Es geht nämlich um Gallienus, liebe Leser. Gallienus, ein römischer Kaiser, von dessen Existenz Sie bisher mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nichts gewusst haben. Und genau das ist auch das Problem, das der gute Gallienus hat – im Grunde interessiert sich eigentlich kein Schwein für ihn. Das mag daran liegen, dass er in einer Zeit lebte, in der das Römische Reich alle paar Monate den Kaiser gewechselt hat (eine Tradition, die im heutigen Italien fortlebt).
Nichtsdestotrotz gibt es natürlich Menschen, die sich aus irgendeinem Grunde dazu berufen fühlen, Bücher über Gallienus zu schreiben. Normalerweise möchte man solche Menschen entweder ignorieren oder wegsperren, in diesem Falle jedoch muss ich doch tatsächlich nach ihren geistigen Ergüssen Ausschau halten. In der hinreißenden Ordnung unseres universitären Buchsuchprogramms finde ich auch tatsächlich ein Buch, das zu lesen ich erträume, nämlich: „The Numbering of the victories of the emperor Gallienus and of the loyality of his legions“, von Andreas Alföldi höchstpersönlich.
Es scheint jedoch tatsächlich so etwas wie eine höhere Gerichtsbarkeit zu geben, denn: Wie eben von mir gewünscht, hat man den Alföldi tatsächlich weggesperrt. In die Geschlossene. Leider aber nur sein Buch, nämlich ins Geschlossene Magazin.
Begleiten wir B. Kruse, stud. phil., auf seinem Weg in den Fettnapf. B. Kruse fragt sich, nachdem er in der großen Zentralbibliothek eine geschlagene Viertelstunde vor dem Übersichtsplan campiert hat: Wo ist das geschlossene Magazin? Man bedenke: B. Kruse fragt sich. Er denkt nicht. Er fragt nur.
Und so fragt er die freundliche Frau mit dem modischen Kurzhaarschnitt an der Auskunft (die in der Zentralbibliothek polternd „WEGWEISUNG“ genannt wird): „Entschuldigung, ich suche das geschlossene Magazin …“, und erntet einen Blick, als ob er soeben aus jenem entflohen wäre. Da klickt es bei B. Kruse, stud. phil., Abiturschnitt 2,5, und er vollendet hastig seinen Satz: „… oder heißt es geschlossenes Magazin, weil man da nicht reindarf?“
Das zustimmende Nicken des Kurzhaarschnitts in Kombination mit einem mitleidigen Blick macht B. Kruse bewusst, dass er in einem erstaunlichen Fettnapf watet. In dem Bewusstsein, letzteren kaum noch vergrößern zu können, lässt er sich noch schnell erklären, wie man sich ein Buch aus der GESCHLOSSENEN ausleiht und verlässt fluchtartig den Raum.
Dieser Tage wälze ich also verdammt viele verdammt alte Bücher auf der Suche nach Informationen über Gallienus (derer gibt es übrigens nicht viele) und die Dinge, die Gallienus im Römischen Reich getan oder auch nicht getan hat. Dazu gibt es, wie auch sonst, unzählige Meinungen. Ich bin der Überzeugung:
Hätte Gallienus ein Buch über sich geschrieben (wenn er denn schreiben konnte), er hätte noch eine andere Meinung vertreten als Alföldi und Kumpanen.
Manchmal wünsche ich mir, eine praktische zusammenklappbare Zeitmaschine zu haben. Die stelle ich dann in der Bibliothek auf den Tisch, beame mich mal eben zu Gallienus, dem ollen Stecher, frage ihn, warum er denn nun diese Heeresreform durchführt, wundere mich über seinen Gesichtsausdruck und seine Antwort („Was denn für eine Heeresreform?“), beame mich wieder zurück, bevor Gallienus gewalttätig wird, ignoriere die entsetzten Blicke des Bibliothekspersonals und schreibe eine Hausarbeit mit dem Titel „Alföldis Irrtum: Gallienus, der Reformunwillige“. Danach bekomme ich sowohl Pulitzer- als auch Nobelpreis, heirate eine schöne, wenn auch blöde Frau, zeuge schöne, wenn auch blöde Kinder und setze mich in einem Haus in Südfrankreich zur Ruhe (von Frau und Kindern).
Das Leben könnte so einfach sein.
Isses aber nicht.
Kleine Korrektur: Die “Wegweisung” ist die “Allgemeine Auskunft”. Die “Bibliographische Auskunft” ist der große Tresen vorm Lesesaal,da sitzen die BibliothekarInnen. Aber die Wegweisungsleute sind doch eigentlich ganz nett. Also nochmal für B. zum Mitschreiben: Im “geschlossenen Magazin” sind Bücher, die man bestellen muss, so kommst du da nicht ran. Ans “offene Magazin” kannst du ran, an die “Freihand” auch. Im Lesesaal darfst du lesen, musst aber die Klappe halten, weil du sonst andere störst, und darfst auch nicht ausleihen,das erzählt dir aber alles das Lesesaalpersonal. Spätdienstleute, die nicht regelmäßig Auskunftsdienst schieben (ich gehöre auch nicht zur Auskunft!), verweisen lieber auf die Auskunftsleute/Stammpersonal ,als irgendwas Verkehrtes zu erzählen. Und: Es sei dahingestellt, ob man das e in “Wegweisung” lang oder kurz ausspricht. Wir nennen das Ding auch “Info-Ufo”. Gruß von wem ausse UB
Danke für die Klarstellung. Inzwischen weiß ich das ja auch… der Findungsprozess war nur etwas – nun ja, unangenehm, wie oben beschrieben.
Hast ja recht … Auch verwirrend für Manche ist die Paarung “Offenes Magazin” und “Freihand”. Bei der Freihand muss man unterscheiden zwischen der Freihandnummer (z.B. kom 300) und der Signatur (z.B. Ac 100). Innerhalb der Freihandnummern sind die Bücher nach Signaturen aufgestellt. Mich fragen immer wieder Leute: Ich finde “ger 390″ (z.B.) nicht”. Wenn er/sie den Titel oder was weiß, finden wir die Signatur. Dann geht er/sie nochmal los, kommt beglückt wieder: “Hab’s gefunden, danke nochmal”.