Der Albrecht
Unabhängige Hochschulzeitung an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

CO2 – Angst vor dem Unbekannten

Niemand hat die Absicht, ein Endlager zu errichten

von Imke Schröder

Verharmlost gesagt geht es bei CCS – Carbon Capture and Storage – tatsächlich um Sprudelwasser: Verflüssigtes Kohlenstoffdioxid soll unterirdisch in erheblichen Mengen gelagert werden. Die Gefahr besteht dabei darin, dass CO2 aus den unterirdischen Lagerstätten austreten und an die Oberfläche gelangen kann. Ab welchem Grenzwert austretendes CO2 für den Menschen gefährlich oder gar tödlich sein kann, ist nicht hinreichend erforscht. Wir alle atmen CO2 aus. Und dass es es zu den Treibhausgasen gehört und es auch schon Todesfälle auf Grund von Kohlenstoffdioxid gab, ist bekannt. Doch es gibt auch bewohnte Regionen, in denen Kohlenstoffdioxid in großen Mengen vorkommt.

Dr. Dirk Schäfer vom Geowissenschaftlichen Institut der CAU sieht die Forschung von der Politik im Stich gelassen. Es habe keinen Rückhalt und keine ausreichenden Informationsveranstaltungen in den betroffenen Regionen gegeben. Auch sei nicht deutlich gemacht worden, worum es bei den beiden Projekten überhaupt ginge: Es sollte, so Schäfer, nicht sofort ein Endlagerungsplatz für CO2 gefunden werden, sondern zunächst die Entwicklung von verpresstem CO2 beobachtet werden. Das Forschungsprojekt zur CO2-Verpressung in Eggebek untersuchte, was passieren würde, falls CO2 ins Grundwasser eintritt. Dafür wurden geringe Mengen CO2 in oberflächennahes Grundwasser injiziert. Die Ausbreitungen und Folgereaktionen sollten beobachtet werden.

Zur CO2-Endlagerung hatten sich einige Bürgerinitiativen gebildet. Mit dem eindeutigen Namen „Stoppt das CO2-Endlager“ entstand etwa im Mai 2009 im Kreis Schleswig-Flensburg eine Gruppe von Endlager-Gegnern. Die Resonanz in der Bevölkerung war groß: Die Initiative hat über 3000 Mitglieder. Diese äußerten Befürchtungen gegenüber den unbekannten, unerforschten und verharmlosten Folgeschäden einer CO2-Verpressung. Sie sahen ihr Leben direkt bedroht. Vor allem aber beklagten sie die mangelnde Erforschung der Lagerungsmethoden. Selbst diese ist nun aufgrund der Proteste eingestellt worden. Ein unermüdlicher Kreislauf ist entstanden.

Nach der Absage an die Forschungsprojekte hatte der zuständige Professor für Geowissenschaften, Andreas Dahmke, zunächst enttäuscht auf den Forschungsstopp reagiert, so die Deutsche Presse-Agentur. Dann habe er aber angemerkt, dass er unter den momentanen Bedingungen ohnehin keine Lust mehr habe, die Projekte weiter zu führen. Später, nachdem Medieninteresse aufgekommen war, wurden Proteste seitens der CAU laut. Es wurde von einem „schweren Schlag für die Grundlagenforschung in Schleswig-Holstein“ gesprochen: Die Politik in Schleswig-Holstein verhindere eine unabhängige und gesellschaftlich wichtige Forschung.

Die Landespolitik hatte sich auf die Seite der Bürger geschlagen; kurz vor der Wahl hatte sich die CDU umentschieden. Somit wird es laut Landtagsbeschluss vom September 2009 keine CO2-Endlagerungsstätten in Schleswig Holstein geben. Und das, obwohl der ehemalige Wissenschaftsminister der CDU, Dietrich Austermann, in Zusammenhang mit den geplanten Forschungsprojekten und dem Blick auf die ehemals geplanten Kohlekraftwerke in Schleswig-Holstein und Hamburg, gesagt hatte: „Denn Kohlendioxid unter der Erde ist besser als Kohlendioxid über der Erde – und moderne Kohlekraftwerke sind besser als alte Anlagen“. Dieser Logik kann man sich kaum entziehen – auf dem Mond wäre Kohlendioxid wohl auch besser aufgehoben als auf der Erde. Außerdem halten Geologen die vorhandenen salinen Untergrundformationen in Schleswig-Holstein für eine Einlagerung von CO2 für besonders geeignet.

Dennoch sorgt der Umgang mit dem Thema für Verunsicherung: Als die RWE Dea AG auf dem Kieler Ostufer von Oktober 2008 bis März 2009 ihre eigenen Untersuchungen begann, hieß es zunächst, es handele sich hierbei um die Suche nach kleineren Erdölvorkommen. Nach genauerer Nachfrage kam der Verdacht auf, dass nach Endlagerungsplätzen für Kohlenstoffdioxid gesucht wurde: Zwar heißt es seitens RWE, dass es sich bei ihren Untersuchungen im Kieler Raum und Ostholstein bis Anfang dieses Jahres ausschließlich um die Suche nach geringen Erdölvorkommen handelte, die dank neuerer Förderungsmethoden wirtschaftlich profitabel geworden seien. Doch aus einem Schreiben des Landesamts für Bergbau und Geologie geht hervor, dass die Ergebnisse der Suche nach Erdöl- und Erdgasvorkommen ebenso zur Suche nach eventuellen Lagerstätten für CO2 genutzt werden können. Außerdem sind die Ergebnisse der Untersuchungen Eigentum von RWE und werden somit nicht öffentlich gemacht.

So liegt der Verdacht nahe, dass die Untersuchungen für die Suche nach CO2-Endlagern durchgeführt wurden. RWE räumt ein, dass grundsätzlich “seismische Verfahren eine Technologie darstellen, die sowohl für Kohlenwasserstoff-Erkundung als auch für andere Vorkommen im Untergrund, wie zum Beispiel saline Formationen, herangezogen werden kann.”

RWE ist eng mit der CO2-Lagerung und -Forschung verstrickt. Schon vor den Messungen am Ostufer hatte der Konzern ein Projekt beantragt, das geologische Untersuchungen an anderen Orten – im Bereich Ostholstein und Nordfriesland – beinhalten soll, um nach möglichen CCS-Lagern zu suchen. RWE hatte schon im März 2008 auf Antrag eine Erlaubnis erhalten, die Möglichkeiten der Speicherung von CO2 zu untersuchen. Der Antrag bezieht sich auf drei Gebiete in Nordfriesland, Ostholstein und der küstennahen Nordsee außerhalb der Zwölf-Meilen-Zone. Laut RWE sind die Voraussetzungen dafür der Rückhalt von Politik und Bevölkerung. Das Forschungsprojekt COAST an der CAU kooperierte ebenfalls mit RWE. Die wissenschaftlichen Untersuchungen von Speicherungsmöglichkeiten und -sicherheit in Schleswig-Holstein wurden vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert, die Messungen führte aber der Energiekonzern durch. Nun sind sie sowohl für die Universität als auch für RWE verboten.

Große Hoffnungen für eine Wiederaufnahme der Projekte hat Dr. Dirk Schäfer nicht, denn es habe im Vorfeld schon keine richtige Diskussion und Kommunikation zum Thema gegeben und die Finanzierung sei in Zukunft ungeklärt. Ebenso schwer sei es, bei der schlechten Resonanz in Berichterstattung und Bevölkerung einen neuen Forschungsstandort zu finden. RWE hält an der CCS-Technologie fest. Jetzt, nach den Wahlen, erhofft sich der Konzern sowohl von der Bundes- als auch von der Landesregierung Unterstützung.

Das Wirtschaftsministerium lässt verlauten, dass die geplanten Messungen von RWE und die Forschungsprojekte der Uni Kiel nicht weiter unterstützt werden, da die FDP und die CDU den CO2-Endlagerungsplänen eine klare Absage erteilt haben und bei ihrer Position bleiben werden.

Fraglich ist, ob die Messungen jetzt nicht einfach in einem anderen Teil Europas durchgeführt werden. Denn die Pauschalen für CO2-Ausstoß sind teuer; unterirdisch verpresstes CO2 gerät nicht in die Atmosphäre und kostet somit auch nichts. Angeblich soll die unterirdische Lagerung umweltfreundlicher sein. Doch wenn selbst kleine Forschungsprojekte eingestellt werden, wird man das nie erfahren. Die Grundlagenforschung wird aufgegeben, der einfache Bürger hat dafür gewonnen. Was, weiß keiner so genau.

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  1. Leserbrief:

    Das ist wirklich ein ungewollt passender Titel für einen Artikel, der sich vorgenommen hat, mit Gerüchten aufzuräumen. Ich fühle mich natürlich herzlich eingeladen, an eine der größten Lügen der deutschen Geschichte zu erinnern. Es braucht nur wenig politische Erfahrung, um Informationen durch Politik und Wirtschaft mit Vorsicht zu genießen. Auch heute gilt: Wenn die Mauer erst mal da ist, ist es schwer, noch etwas dagegen zu tun.
    Eine zweite Assoziation drängt sich auf: 1983 wurde in Gorleben zwar kein Endlager aber ein ewiges Zwischenlager errichtet. In der Wahlkampfzeit kam es in Bezug auf dieses Thema wieder zu schweren Vorwürfen innerhalb der Parteien. Eine machtstrategische Lüge liegt nahe. Aber eine wirtschaftsstrategische ist nur eine Variante und ebenfalls unverzeihlich. Jemals die Wahrheit zu wissen, braucht ein normaler Zeitungsleser nicht zu hoffen.
    Wie sollte mein Vertrauen ausreichen? Ein „kleiner“ oder „einfacher Bürger“ oder vielmehr das, was damit gemeint ist, bin ich durch diese Vorsicht mit Sicherheit nicht. Klein und einfach – im Sinne des Artikels – sind Aussagen dieser Art: „Angeblich soll die unterirdische Lagerung umweltfreundlicher sein.“ Wer informiert ist weiß, dass dieses Vorhaben für die Zukunft nicht weniger bedeuten könnte als die Rettung des Weltklimas. Auch die „Bürgerinitiative gegen das CO2-Endlager e.V.“ ist sich dessen bewusst und informiert auf ihrer Web-Seite darüber. Gerade die Schleswig-Holsteiner können sich diesem Argument nicht entziehen, denn das Land wird vom Klimawandel stark betroffen sein.
    Politisch stärker wiegt folgende Überlegung: Kohlenstoffdioxid, dass Deutschland nicht in die Atmosphäre bläst, bringt dem Staat im internationalen Emissionshandel viel Geld ein. Je eher Deutschland das Wettrennen gewinnt, desto länger kann mit Einnahmen gerechnet werden. Die Forschung weiß aber bereits, dass andere Länder über besser geeignete und unbesiedelte Flächen verfügen. Dass Menschen Gefahren ausgesetzt werden, ist also völlig unnötig. Vor allem, da diese Emissionseinnahmen wesentlich sinnvoller durch die Förderung alternativer Energiegewinnung erzielt werden könnten. Stattdessen sollen die Schleswig-Holsteiner ihre Gesundheit und ihr Leben einem Projekt anvertrauen, das zuerst der RWE und der Finanzpolitik von Nutzen ist, und an letzter Stelle dem Weltklima zu Gute kommt.
    Außerdem bleibt folgender Verdacht: Wer die Endlagerung erforscht, muss eine Anlage bauen, die auch genau zu diesem Zweck geeignet ist. Dass später die Endlagerung geduldet werden muss, ist sehr wahrscheinliche Konsequenz. Zum Handeln ist es dann zu spät.
    Bemerkenswert ist, dass zu diesem Thema kaum eine öffentliche Debatte stattfindet. Außerhalb Schleswig-Holsteins berichten keine Medien. Viele Fragen bleiben ungeklärt. Ausgerechnet dieser Fall ist ein Beispiel dafür, wie sich eine Initiative um eine umfassende Aufklärung durch gut autorisierte Informationen bemüht. Die Bürger fordern hier ihr Recht auf Information ein. Was es zu gewinnen gibt, wissen sie auch: Ihre Mündigkeit und ihre Souveränität.
    Der Journalistin bleibt zu sagen: Groß ist längst nicht, wer im Zweifelsfall für Lehre und Bildung zu argumentieren versucht.

    Lisa Hübscher

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