Diplomatie für Einsteiger
21. November 2009 | Kategorie: Gesellschaft Keine Kommentare »Eine Achterbahn der Gefühle
von Nele Rössler
Einmal Hand auf´s Herz: Wer weiß schon, wie die Vereinten Nationen wirklich arbeiten? UNICEF, die Weltbank und Ban Ki-Moon sind Begriffe, mit denen man etwas anfangen kann. Im Politikunterricht der Oberstufe haben sich die meisten mit dem organisatorischen Aufbau der UN plagen müssen, im Geschichtsunterricht fielen Worte wie „Atlantikcharta“. Aber was genau macht diese Institution, der beinahe alle Staaten der Welt angehören und die über das Budget der New Yorker Feuerwehr verfügt?
Der Verein „National Collegiate Conference Association“ (NCCA) hat sich zum Ziel gesetzt, die Arbeit der Vereinten Nationen transparenter werden zu lassen und diplomatische Talente zu fördern. Deshalb organisiert der NCCA in Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen verschiedene Simulationsprojekte, welche die Arbeit der verschiedenen UN-Versammlungen nachstellen. Die New Yorker Simulation (NMUN) ist mit 5.000 teilnehmenden Studenten das größte Simulationsprojekt der MUN. Hauptdarsteller sind dabei Studenten aus aller Welt. Sie gehen in diverse Versammlungen und Ausschüsse, müssen diskutieren, Fraktionen bilden, Verbündete finden und diplomatische Resolutionen formulieren.
Die meisten Teams sind direkt über die Universitäten organisiert, während die NMUN-Teilnahme in Kiel dagegen durch den Verein „International Student Commitment“ (ISC) geplant wird. Jede der teilnehmenden Universitäten stellt ein zirka 15köpfiges Team, welches ein zufällig ausgewähltes Land vertritt. Das Herkunftsland der Universität darf nicht vertreten werden. „Dies würde auch keinen Sinn machen“, erklärt die ehemalige Teilnehmerin Sara Arrach (23): „Dadurch, dass man ein anderes Land vertrete, entwickele man erst die Toleranz und Sichtweise, die für die Ziele der Vereinten Nationen wichtig seien.“ Das Land, welches die Kieler Studenten im März 2010 vertreten werden, ist offiziell noch nicht bekannt. Gegen den Ausdruck „Spiel“ wehren sich die ehemaligen Teilnehmer Christian Patz (23), Paulina Kaszubowski (25) und Sara Arrach. „Das läuft alles auf sehr hohem Niveau. Wenn ich manchen Ausschüssen zugehört habe, habe ich nur mit den Ohren geschlackert. Es gab Nächte, in denen man zur Vorbereitung für den nächsten Tag mal eben 80 Seiten durcharbeiten musste und dann nur zwei Stunden geschlafen hatte,“ sagt Christian Patz. Außerdem seien bereits Ideen und Konzepte von NMUN-Studenten später in gültigen UN-Resolutionen aufgetaucht. Für viele der teilnehmenden Studenten sei es daher schon deshalb kein Spiel, weil die New Yorker Veranstaltung über die Universität organisiert wird. Sie gilt zum Teil als Leistungsnachweis für Stipendien oder wird wie eine Lehrveranstaltung bewertet. Da sich das Kieler Team über den ISC organisiert, ist dies bei den Kieler Student/innen nicht der Fall. Sie haben zudem auch keinen Professor, der ihnen zur Seite steht und müssen sich selbst um die Finanzierung kümmern. Das habe auch positive Seiten, da es „eine zusätzliche Erfahrung sei, Sponsoren zu organisieren“, sagt Christian Patz. Und Sara Arrach fügt hinzu: „Außerdem ist es ein weiterer Identifikationsfaktor. Es gibt einem noch mehr das Gefühl, dass wir das selber geschafft haben.“ Sara, Paulina und Christian werden den diesjährigen Teilnehmer/innen von drei Vorbereitungswochenenden bei der Organisation der Sponsoren, den Reisevorbereitungen und bei der Einarbeitung in die Themen helfen. „Man will natürlich etwas zurück geben, von den Erfahrungen, die man gemacht hat,“ erklärt Christian sein weiteres Engagement für den ISC.
Und was waren die wichtigsten Erlebnisse, die sie gemacht haben? Bei allen drei ehemaligen Teilnehmern fallen Worte wie „wertvoll“ und „faszinierend“. Dennoch haben sie individuelle Erfahrungen aus New York mitgenommen. Für die Englisch-Studentin Paulina war die Veranstaltung richtungsgebend für ihre berufliche Zukunft. Sie absolviert momentan ein Praktikum bei UNICEF. Das motivierte Team, welches voller Elan zusammen gearbeitet hat, war für Sara das Schönste. Christian sagt, dass es für ihn eine Achterbahnfahrt der Gefühle war. Man denke, man habe sein Ziel erreicht und dann wird der entscheidende Paragraph aus der Resolution wieder herausgenommen. Da schwanke man schon zwischen „Euphorie und Frustration“, aber man lerne auch sich selbst kennen. Diplomatie ist also alles andere als trocken. Das miterleben zu dürfen, da sind sich alle drei Teilnehmer einig, sei unglaublich spannend und interessant gewesen.
Anmeldeschluss für das Team im Jahr 2010 war der 13.11.2009