Leer studiert
21. November 2009 | Kategorie: Gesellschaft Keine Kommentare »Mit der Volkskrankheit auf du und du
von Jenni Belitz
„Der Bachelor macht nicht per se krank oder depressiv“, ließ Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des deutschen Studentenwerks (DSW) Anfang November verlauten. Hintergrund ist die Bekanntgabe der Statistiken der Beratungsstellen, die die Studentenwerke den Studierenden zur Verfügung stellen. Der DSW gab weiterhin bekannt, dass mit fast 80.000 Beratungskontakten im Jahr 2008 die Zahl derer, die eine der 43 Beratungsstellen an deutschen Universitäten aufgesucht haben um mehr als 20 Prozent gestiegen ist. Mehr als 23.000 Studierende haben sich demnach im letzten Jahr in Einzel- oder Gruppengesprächen psychologisch beraten lassen. Auch in Kiel sei 2008 eine Zunahme um rund 14 Prozent zu verzeichnen gewesen, wobei die Zahlen für das laufende Jahr der Beratungsstelle noch nicht vorliegen.
Die Gründe dafür sich an die Beratungsstellen zu wenden sind dabei sehr vielfältig und umfassen das ganze Spektrum psychischer Beschwerden, wissen Anja Schröder-Braun und Marie-Therese Bockhorst zu berichten. Die beiden Diplom Psychologinnen betreuen die vom Studentenwerk Kiel bereitgestellte Anlaufstelle im Steenbeker Weg 20. „Selbstwertzweifel, Suchtprobleme, Essstörungen, Ängste oder depressive Verstimmungen, Schreibblockaden, Lern- und Arbeitsstörungen, Prüfungsängste, Trauerprozesse wenn es um die Verarbeitung einer schweren Erkrankung oder des Todes eines Angehörigen geht, eigene körperliche Erkrankungen aber auch Probleme mit den Eltern, mit Freunden und Partnerschaftskonflikte sind unter anderem Gründe zu uns zu kommen.“
Die Frage wo ein einfaches Problem aufhört und ein psychisches beginnt ist vor allem für den Betroffenen selbst selten leicht zu klären. Jeder hat schließlich mal Probleme auch und vor allem in der Zeit des Studiums. Den Erfolgsdruck und das Gefühl bei einer Prüfung plötzlich nicht einmal mehr seinen Namen zu wissen kennt auch fast jeder aus dem Kreis der Kommilitonen. Spätestens seit der Einführung des Bachelors kämpfen viele Studenten gegen ein anhaltendes Gefühl der Überforderung an. „Die neuen Bachelor-Studiengänge erhöhen sicher den Zeit- und den Leistungs- und Finanzierungsdruck auf die Studierenden; viel können wegen der dichten Stundenpläne und der vielen Prüfungen keinem Nebenjob nachgehen, finanzielle Probleme sind die Folge und erhöhen den Stress.“ erläutert Meyer von der Heyde.
Natürlich sind häufigere psychische Beschwerden keine direkte Folge aus der neuen Studienordnung, doch ganz von der Hand zu weisen ist dieses Argument nicht. Meyer von der Heyde weist darauf hin, dass sich parallel zu den Anforderungen das Angebotsspektrum der Studentenwerke deutlich erweitert hat. Doch sieht er noch deutlichen Handlungsbedarf. „Bachelor-Studierende brauchen deutlich mehr studienbegleitende Beratung, und wir fordern die Länder auf, die Studentenwerke hier endlich besser zu unterstützen.“ Anja Schröder-Braun und Marie-Therese Bockhorst hoffen zusätzlich darauf, „dass es zum Beispiel bei den Leistungsanforderungen oder der Arbeits- und Zeitbelastung in den Bachelor/ Masterstudiengängen noch Veränderungen und Nachbesserungen geben wird, zum Beispiel im Hinblick auf die Vielzahl von Klausuren zum Ende jedes Semesters.“
Die etwa 28 Wochenstunden, die den beiden Psychologinnen der Kieler Beratungsstelle für die Beratung der Studenten zur Verfügung stehen sind gut gefüllt. „Freie Termine haben wir in der Regel nur in den Sommermonaten, in den anderen Zeiten sind wir meist gut oder sehr gut ausgelastet und haben mehr oder weniger lange Wartezeiten. Aufgrund dieser Rahmenbedingungen bieten wir Beratungen, nicht aber längere psychotherapeutische Behandlungen an.“ Wo diese notwendig sind, werden die Studenten dann an andere Stellen weiter vermittelt.
Bei kaum einer Krankheit gibt es so viele verschiedene Ausprägungen und Symptomatiken wie bei der von Medien so häufig als „Volkskrankheit“ bezeichneten Depression. Wahrscheinlich gibt es auch zu kaum einem anderen Krankheitsbild so viele Vorurteile und Klischees wie zu diesem. Es ist einfach nichts Greifbares oder gar Salonfähiges. Es gibt keine Impfung, keinen Gips oder eine schnelle Genesung nach ein paar Tagen Bettruhe mit Tee und Taschentüchern. Eine Heilung kann Jahre in Anspruch nehmen und manchmal bedeutet sie nichts anderes als mit der Krankheit leben zu lernen. Die Erkenntnis, dass die eigenen Möglichkeiten nicht ausreichen mit einer Krise fertig zu werden, ist dabei häufig der schwerste aber nur der erste Schritt.
Was ist nun zu tun? Meyer von der Heyde spricht zwar von einer größeren Selbstverständlichkeit, was die Nutzung der Beratungsangebote betrifft, doch ist es mittlerweile wirklich kein Tabuthema mehr zuzugeben, dass man Hilfe benötigt? Ist es in einer Zeit, in der Selbstbewusstsein und das sich in Szene setzen scheinbar so wichtig für die Karriere sind wie ein makelloser Lebenslauf, wirklich einfach anderen eine Schwäche einzugestehen? „Wir stellen doch häufig mit Erstaunen fest, dass es für viele Studierende immer noch sehr schwer ist, einen Termin bei uns zu vereinbaren und zu uns zu kommen. Viele warten immer noch sehr lange, bevor sie sich bei uns melden.“ so Bockhorst und Schröder-Braun.
Doch neben der Angst eine Schwäche einzugestehen und später auf dem Arbeitsmarkt weniger Chancen zu haben, weil das Studium länger als üblich dauert, eine bestimmte Prüfung nicht bestanden oder gar ein Studium abgebrochen wird liegt eine andere Befürchtung auch zeitlich viel näher. Wie wird es derjenige dem ich mich anvertraue aufnehmen? Wer sich öffnet setzt sich dem Risiko aus verletzt zu werden und auch nach dem wird das nicht geringer. Immer wieder sehen sich Betroffene mit einer großen Unwissenheit und damit zusammenhängenden Vorurteilen und Fehlmeinungen konfrontiert.
Viele verschweigen aus diesen Gründen auch häufig erst die Probleme und dann die Tatsache, dass sie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Oder sie trauen sich erst dann um professionelle Hilfe zu fragen, wenn der Druck nicht mehr auszuhalten ist und kein anderer Ausweg mehr besteht. Doch auch als Freund oder Familienangehöriger ist es nicht leicht zu sehen, wie sich eine nahestehende Person quält. Einem Mitstudenten zu vermitteln, dass ihm eine Beratung helfen könnte oder in einer akuten Krise als Ratgeber zur Seite zu stehen ist nichts, was mal eben in der Mensa besprochen wird. „Bei uns kommt es immer wieder vor, dass die Studierenden zum Erstgespräch einen Freund oder eine Freundin mitbringen. Dies kann die Anfangsscheu sicherlich etwas nehmen.“ wissen Schröder-Braun und Bockhorst zu berichten. Bekannten raten sie, dem Freund oder der Freundin den eigenen Eindruck mitzuteilen und zu einer professionellen Unterstützung zu raten, sowie eine eventuelle Begleitung zum Erstgespräch anzubieten.
Ein wichtiger Schritt ist also sich selbst einzugestehen dass man Hilfe benötigt und sich dann, vielleicht mit Hilfe eines Freundes professionelle Hilfe zu suchen. Ein weiterer nicht zu unterschätzender Faktor ist aber auch die Vorbeugung. Das Deutsche Studentenwerk teilt abschließend mit: „Wer schon im ersten Semester beim Studentenwerk ein Coaching zum Stressmanagement oder zu Lerntechnicken besuche, beuge krisenhaften Entwicklungen später im Studium vor.“