Der Albrecht
Unabhängige Hochschulzeitung an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Migranten im Alter

Neues Klientel in der Altenpflege verlangt kulturelle Sensibilisierung

von Mounira Ghribi

Migration, Integration, Parallelgesellschaften, Sprachkurse. Alles Begriffe, welche die gegenwärtigen Diskussionen in Bezug auf Deutschland als Einwanderungsland prägen. Es wird über Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund gesprochen, ihren Eltern und deren Deutschkenntnisse sowie Projekte aufgestellt, die diese Zielgruppen mit den Einheimischen verbinden sollen. Dabei wurde eine entscheidende Gruppe außer Acht gelassen: Die Gastarbeiter der 1960er Jahre. Wenn sie nicht bereits, wie ursprünglich geplant, nach paar Jahren Arbeit in Deutschland in ihr Heimatland zurückgekehrt sind, dann wollten sie es aber auf jeden Fall zum Renteneintritt tun. So lautete immer das Ziel. Doch diese Perspektive hat sich für einen großen Teil der damaligen Gastarbeiter grundlegend geändert. Deutschland ist ihr Zuhause geworden, weil ihre Kinder und Kindeskinder, ihre Freunde und Bekannten hier wohnen und damit mehr als nur einen Grund liefern, um in der neuen Heimat ihren Lebensabend zu verbringen.

Im Zuge der interkulturellen Öffnung Deutschlands wird es auch immer mehr Bundesländern bewusst, dass auf diese sich verändernde Situation adäquat reagiert werden muss. Es müsse zukünftig berücksichtigt werden, dass die Pflegebedürftigen von Morgen einen vielseitigeren sprachlichen, kulturellen und religiösen Hintergrund haben werden als heute und ihren unterschiedlichen Prägungen entsprechend individueller betreut werden müssen. Auch wenn sich die Fragen von Migranten im Bereich der Pflege zunächst nicht grundsätzlich von denen der einheimischen Pflegebedürftigen unterscheiden, so gibt es jedoch Unterschiede bezüglich kultureller und religiösen Bräuche sowie rechtlicher Fragen. Zudem werden in anderen Kulturen das Alter und die Krankheit unterschiedlich gewertet. In anderen Kulturen und Religionen gibt es bestimmte Speisevorschriften und streng verordnete Tagesabläufe, die sich von den hiesigen Konventionen unterscheiden. Diese zahlreichen Differenzen erfordern seitens des Pflegepersonals eine gewisse Kompetenz, die aber nicht immer vorausgesetzt werden kann. Um einen Überblick über die vielfältigen Kulturen zu bekommen und diese bei der Arbeit berücksichtigen zu können, müssen die Pfleger erst einmal darauf vorbereitet werden. Und an diesem Punkt setzen Projekte, wie das vor Kurzem in Lübeck eröffnete Projekt „Kultursensible Pflege“ der Gemeindediakonie an. Dabei geht es zum einen darum, den Pflegedienst in interkulturellen Schulungen auf die bevorstehenden Veränderungen einer sich erweiternden und ausdifferenzierenden Pflegeklientel vorzubereiten. Denn auch wenn es in vielen Kulturen immer noch üblich ist, dass sich die eigene Familie um die Pflege des Angehörigen kümmert, können die meisten Familienmitglieder heute dieser Aufgabe aus eigener Kraft nicht mehr gerecht werden.

Einerseits sollen Dolmetscher mit einbezogen werden, um mögliche Sprachbarrieren überwinden zu können, andererseits sollen durch die „Kultursensible Pflege“ auch Fachkräfte mit ausländischen Wurzeln gewonnen werden. In Deutschland herrscht generell ein großer Pflegekräftemangel. Im Verlauf der nächsten zehn Jahre werden um die 100.000 neue Pflegekräfte auf dem deutschen Arbeitsmarkt benötigt. „Dieser Bereich ist sehr gefragt. Es besteht ein großes Interesse auch Migranten für diese Arbeit zu begeistern. Vor allem Einwanderer, die in ihrer Heimat bereits eine Lehre gemacht haben, die hier nicht anerkannt wird, sollten solche Möglichkeiten nutzen“, sagt Maryam Gardisi, die Projektleiterin. „Sie bringen ja schon automatisch gute Voraussetzungen mit. Wir sind sehr darum bemüht, sie dafür zu gewinnen und bieten dazu passende Schulungen wie ‘Pfleger als Beruf’ an.“ Es gibt viele Bereiche die so eine Kultursensibilisierung fördern. Wenn im alltäglichen Leben mit verschiedenen Kulturen zusammen gelebt wird, ist es notwendig in diversen Lebensbereichen darauf einzugehen. Doch auch diese Einsicht muss sich erst einmal in unserer Kultur etablieren. Es handelt sich hierbei um das erste EU-Projekt dieser Art, welches im Rahmen des europäischen Integrationsprogramms XENOS gefördert wird.

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  1. Ein interessanter Aspekt der mir so noch nicht in den Sinn kam. Es lebe ein multikulturelles Deutschland mit den Herausforderungen und Chancen die sich aus seiner Farbenpracht entwickeln. Danke für den tollen Bericht.

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