Christkind in Christiania
14. Dezember 2009 | Kategorie: Weihnachten Keine Kommentare »von Imke Schröder
Ein Paar handgestrickte Wollsocken für Vati, ein paar Räucherstäbchen für die Schwester und ein paar Gramm Gras für den besten Freund oder den Eigenbedarf: So darf man sich Weihnachten in Christiania vorstellen. Die wohl beispielloseste Besetzungsaktion eines gesamten Viertels von Kopenhagen erregt schon seit Anfang der 1970er Jahre die Gemüter. Jährlich gibt es in der Regierung große Diskussionen über eventuelle Räumungen des Geländes, um dort teure Yuppie-Stadtwohnungen zu bauen. Doch Christiania ist nicht tot zu kriegen. Nach dem Wahrzeichen Kopenhagens, der kleinen Meerjungfrau, ist Christiania die zweitgrößte Touristenattraktion und lädt ganzjährig zu einem hippiehaften Miteinander ein. Und das ist weit mehr als die berühmte Pusher Street, in der man auf offener Straße an kleinen Ständen die verschiedensten Cannabisprodukte erwerben kann, und die sicherlich bei dem einen oder anderen Jugendlichen einschlägige Erinnerungen hervorruft.
Doch Christiania ist auch ohne Drogenkonsum einzigartig und eine Reise wert: Das Viertel verfügt über eine ganz eigene Infrastruktur mit eigener Müllabfuhr und Postservice, da alle Bewohner sich eine Postanschrift teilen. Die bunten Holzhäuser wurden alle in Eigenregie und ohne Baugenehmigung errichtet. Die restlichen Gebäude entstammen einer ehemaligen Militärkaserne, welche vor 1971 auf dem Gebiet von Christiania ansässig war.
Und mitten zwischen diesen kleinen Häuschen und Matschwegen findet sich im Winter eine große Scheune, die es wirklich lohnt zu besuchen. Denn innen wird allerlei Handwerk unterschiedlichster Art von den Christianiern vertrieben: Unterstützershirts für Christiania mit den berühmten drei Punkten, von Selbstgestricktem über hausgemachte Marmeladen und Gebäck, esoterisches Allerlei und natürlich Hanfprodukten verschiedenster Art, gibt es ungewöhnliche Geschenke für jeden Geschmack. Es gibt hier keine vorgegebenen Einheitshäuschen, zwischen professionellen Ständen sind kleine Tische mit nur einer Ware aufgebaut. Bei “Ris a la mande”, dem traditionellen dänischen Weihnachtsmandelreis kann man statt Weihnachtsmusik aus der Dose, Musikern von Klassisch bis Alternativ zuhören, während man zwischen der schicken Businessfrau und der Punklady mit pinken Haaren sitzt und über den Fortbestand von Christiania diskutiert. Und das meiste Geld geht in die Unterstützung und den Erhalt Christianias.
Eine Reise nach Christiania mutet an wie die Reise in ein utopische Vergangenheit: Ohne Autos und ohne harte Drogen. Bikerjacken mit Clubzugehörigkeit sind ebenso wie Waffen und Gewalt verboten. Was die Christianier dennoch nicht davon abhält bei jeder erneuten Abrissdiskussion die Metro mit Rauchbomben lahm zu legen. Und Ähnliches ist während der Klimakonferenz im Dezember zu erwarten. Doch davon lässt sich keiner die Weihnachtsstimmung vermiesen. Denn auch in Christiania gilt alle Jahre wieder: “Friede, Freude … Haschkekse.”
Der Weihnachtsmarkt in Christiania findet dies Jahr vom 8.-22. Dezember statt.