Lasset die Haare sprießen
14. Dezember 2009 | Kategorie: Weihnachten Keine Kommentare »Ein ganzes Dorf spielt die Passionsgeschichte.
von Annemarie Schönherr

Der Kreuzweg. pressefoto
Oberammergau 1633: der Dreißigjährige Krieg tobt, der Hunger wütet, die Pest herrscht und kostet jeden zehnten das Leben. Da schwören die Bauern, alle zehn Jahre ein Passionsspiel aufzuführen, wenn Gott der Pest im Ort ein Ende setzt. Ihre Bitte wird erhört.
Oberammergau 2009: „Das ganze Dorf wird zum Passionsspiel“, sagt Spielleiter Christian Stückl im Deutschlandfunk, „der Opa hat lange Haare, die Mama hat plötzlich lange Haare.“ Männer und Frauen, Kinder und Alte pflegen ihre Haarpracht, denn die Vorbereitungen für das Passionsspiel 2010 laufen bereits auf Hochtouren und alles soll echt sein. Eineinhalb Jahre vor der Aufführung gilt daher das traditionelle Haar- und Bartschneideverbot. „Die begehrtesten Rollen sind die der römischen Soldaten, denn die werden von dem ganzen ausgenommen“, so Stückl.
Mehr als 2000 Erwachsene und Kinder aus dem ganzen Dorf spielen mit, wenn es darum geht, Jesus Leiden, Sterben und seine Auferstehung darzustellen. Wer mitmachen möchte, muss in dem bayrischen Dorf geboren sein oder dort seit zwanzig Jahren wohnen.

Massenszene. pressefoto
Die Oberammergauer Passionsspiele wurden lange Zeit kritisiert, antisemitische Inhalte zu verbreiten – sie hielten sich bis ins Jahr 2000 an einen Text von Alois Daisenberger aus dem 19. Jahrhundert. 1934 besuchte Adolf Hitler das Passionsspiel und benutze es, um seine Ideologie zu verbreiten. Jesus-Darsteller Frederik Mayet erklärt im Deutschlandfunk, Hitler hätte das Passionsspiel als „reichswichtig“ erklärt und gesagt, „es zeige auf wunderbare Weise, wie furchtbar der jüdische Mob ist und wie edel die Römer.“ Nach dem Krieg wurde das Stück einfach unverändert weiter aufgeführt, wogegen jüdische Organisationen protestierten. Obwohl die Spiele nach dem 2. Vatikanischen Konzil 1965 sogar von der katholischen Kirche kritisiert wurden, blieb der Gemeinderat, der bis heute jeder Änderung zustimmen muss, hart und änderte den „heiligen Text“ nicht.
Eine Entwicklung der Spiele wurde erst mit dem Generationenwechsel möglich: Vor zehn Jahren nahmen Spielleiter Stückl und Otto Huber die größte Überarbeitung des Textes seit 1860 in Angriff, tilgten die antisemitischen Passagen und setzten neue Schwerpunkte.
Das erste Oberammergauer Passionsspiel fand 1634 statt. Damals wurde eine provisorische Bühne über den Gräbern der Pest-Toten errichtet. Inzwischen verfügt das Dorf über ein Schauspielhaus, wo am 15. Mai die Premiere der 41. Passionsspiele stattfindet.