Der Albrecht
Unabhängige Hochschulzeitung an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Warme Punschwolken in kalter Dezembernacht

von Christian Diers

Hunderttausende von Punschpilgern zieht es jedes Jahr zu den von Nordfriesland bis ins Allgäu verteilten Holzhüttenformationen festlich geschmückter Glühweinstände, Kunsthandwerksstuben, Backwarenbuden und Naschkramkreationen. Zwischen Tannenbäumen, Mistelzweigen und Christbaumkugeln verbreitet sich der Duft gebrannter Mandeln und schallen die Klänge klassischer Weihnachtslieder in einem vierwöchigen „Wintermärchenprovisorium“ aus hölzernen Bretterbuden, welches sich nahtlos in das Lichtermeer vorweihnachtlich verzauberter Innenstädte integriert. Bevor man als erfahrener Weihnachtsmarktbesucher im bunten Kling-Glöckchen-Getümmel angekommen ist, muss man im Regelfall allerdings noch eine Art Hindernisparcours überwinden.

Erste Etappe: Durchs überfüllte Shopping-Center flitzen, um in Slalomkurven vom Modehaus über die Geschenkboutique zum Elektronikfachmarkt zu gelangen und auf dem Rückweg Bücherladen, Sportschuhgeschäft und den als Kaffeerösterei getarnten Unterwäscheshop mitzunehmen. Zweite Etappe: Noch mal eben schnell duzende Weihnachtsgeschenke in quietschbunte Zellulose einwickeln lassen, um sich anschließend mit prall gefüllten Plastiktüten etwas gehbehindert durch die träge Menschenmasse zu manövrieren. Dritte Etappe: Am Ende der langsam voranschreitenden Kaufrauschkarawane die vereiste Rolltreppe zum Kieler Weihnachtsmarkt hinunterpurzeln, bevor man sich mit letzter Körperkraft am fragilen Tresengestell des Glühweinstands festhält und zur Nervenmassage einen doppelten Rumpunsch bestellt. Letzte Etappe: So lange genüsslich am Rumpunsch weiterschlürfen bis man einige Minuten später bemerkt, dass sich der kleinteilige Inhalt der gerissenen Plastiktüte großzügig über den Schneeteppich verteilt hat.

Das ist echte Vorweihnachtsfreude, wie sie selbst naiv inszenierte TV-Werbespots nicht nachhaltiger vermitteln können. Wo warme Punschwolken sublimierenden Glühweins in kalte Dezembernächte aufsteigen, um gestressten Konsumenten und einsamen Passanten konzentrierte Ansammlungen angeheiterter Glühweintrinker zu signalisieren. Wo sich wildfremde Menschen über den Extraschuss Amaretto im Punsch kennen lernen und innerhalb kurzer Zeit von der Zwei-Meter-Tresendistanz auf den Zwei-Millimeter-Zungenkontakt des gegenüberstehenden Partners wechseln. Und wo dickbäuchige Weihnachtsmänner in rot-weißer Rauschebartuniform Dienstleistungen wie „kundenorientiertes Direktmarketing“ („Hohoho, ich bin der Weihnachtsmann!“) und „verbraucherfreundliche Produktdistribution“ („Wenn Ihr alle schön brav gewesen seid, dann bekommt Ihr von mir auch Geschenke!“) anbieten.

Genau dort liegt das „Weihnachtswunderland“, wie es auch im englischsprachigen Reisekatalog der Deutschen Tourismuszentrale präsentiert wird. Denn ob man es glaubt oder nicht: Es gibt zahlreiche internationale Touristen aus Europa und Übersee, die sich so sehr für das behagliche Knusperhäuschen-Ambiente deutscher Weihnachtsmärkte erwärmen können, dass sie für eine Hand voll Lebkuchengebäck, Marzipanstollen und Erzgebirgsschnitzereien auch schon mal den nächsten Interkontinentalflug besteigen.

Vielleicht liegt es daran, dass die Deutsche Tourismuszentrale schon im Vorfeld märchenhaft farbenfrohe Online-Reisebroschüren mit alphabetischem Weihnachtsmarktregister unter dem Titel „Welcome To Christmas Wonderland“ zum Download bereitgestellt hat? Oder liegt es an der historischen Gegebenheit, dass traditionelle Weihnachtsmärkte in ihrer ursprünglichen Form nur im deutschsprachigen Raum – also sprich in Deutschland, Österreich, Schweiz, Luxemburg und den teilweise deutschsprachigen Regionen von Elsass-Lothringen und Südtirol – zu finden sind? Welche Gründe die entscheidende Rolle spielen, kann hier nicht einwandfrei geklärt werden. Eine Tatsache ist in diesem Zusammenhang wohl sicher: Der deutsche Weihnachtsmarkttourismus läuft auch dieses Jahr wieder auf Hochtouren. Ob sich im Verlauf der kommenden vier Adventswochen jedoch auch ein paar internationale Touristen auf den Kieler Weihnachtsmarkt verirren werden, bleibt abzuwarten und ist im Hinblick auf dessen nördliche Randlage sowie dessen nüchterne Verkaufsatmosphäre im Direktvergleich mit der bundesweiten Bretterbudenkonkurrenz mehr als fraglich. Wären da nicht noch die wilden Horden skandinavischer Hundertschaften, die „alle Jahre wieder“ mit ihren als Autofährschiffen getarnten Wikingerbooten in Kiel anlanden, um im 24-Stunden-Rhythmus (also dem jeweiligen Zeitraum zwischen zwei Fährschiffüberfahrten) die Alkoholvorräte des Kieler Weihnachtsmarktes zu halbieren.

In diesem Sinne: Eine besinnliche und geruhsame Weihnachtszeit!

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