Der Albrecht
Unabhängige Hochschulzeitung an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Da arbeiten doch Menschen

Warten auf das Ende

von Miriam Rüscher-Reher

Karstadt am Alten Markt - aber nicht mehr lange Foto: asw

Karstadt am Alten Markt - aber nicht mehr lange Foto: asw

Karstadt ist insolvent, eine weit bekannte Tatsache. Das traditionsreiche Karstadt-Haus am Alten Markt in Kiel muss schließen, dass weiß man seit Anfang Dezember. Mein Studentenjob – Weihnachtsgeschenke einpacken – in der Fachparfümerie bei Karstadt. Das mit der Insolvenz nicht wirklich auf dem Plan, steht die zweite Arbeitswoche dort unter einem schlechten Stern: Traurige Gesichter, schlechte Stimmung. Eine Sitzung am Vorabend brachte die schlechte Kunde: Das Karstadt-Haus muss schließen. 135 Vollbeschäftigte werden entlassen, einige dürfen in andere Häuser umziehen. Doch wer bleibt die große Frage.

Zu den Fakten: 1881 gründete Rudolph Karstadt sein erstes Geschäft in Wismar. Durch günstige Festpreise anstelle des zu dieser Zeit üblichen Handelns hatte Karstadt von Anfang an Erfolg. Schnell eröffneten in 24 Städten Norddeutschlands Filialen. So auch 1893 die fünfte Filiale deutschlandweit in Kiel, das Karstadt-Haus am Alten Markt. Hier hatte Karstadt auch seinen Firmensitz, später wurde er nach Hamburg verlegt. 2004 wurde öffentlich, dass sich die Karstadt Warenhaus AG, der gesamte Karstadt-Quelle- Konzern in fi nanziellen Schwierigkeiten befi ndet. Nach 128 jährigem Bestehen meldete Karstadt 2009 Insolvenz an. Nach 117 Jahren wird im März 2010 die Karstadt Filiale Alter Markt geschlossen. Unter anderen Umständen hätte mich diese Nachricht wenig interessiert, unter diesen Umständen ist sie ernüchternd. Die familiäre und freundschaftliche Beziehung unter den Mitarbeitern geht sofort auf einen über. Schnell entstehen persönliche Beziehungen, man kennt sich, man versteht sich. Seit Wochen nun sitzen diese Karstadt-Mitarbeiter abends zu Hause und fragen sich, ob sie ab März noch einen Job haben werden. Kommt die Benachrichtigung noch vor Weihnachten oder erst im neuen Jahr? Und obwohl die Mitarbeiter bei Karstadt um ihre Jobs zittern und bangen, versuchen sie ihr Bestes, um die Kunden zufrieden zu stellen. Dabei fällt es einem selbst als Aushilfe schwer ein Lächeln im Gesicht zu behalten, wenn täglich nicht nur interessierte und besorgte Kunden nach dem Verbleiben der Angestellten fragen, sondern vor allem viele unverschämte Kunden in den Laden stürmen und taktlos fragen, wann denn nun endlich Ausverkauf sei.

So geht es wohl nicht nur ihnen, sondern auch vielen anderen, in anderen Städten und anderen Firmen. Man sieht, kennt und erlebt diese Menschen nur meistens nicht. Angestellte eines Kaufhauses sind keine Roboter oder Maschinen. Es sind Menschen, deren Zukunft davon abhängt, wie viele Punkte sie in einem Sozialplan erhalten. Die Entscheidung so sozialverträglich wie möglich zu machen ist seine Aufgabe, und doch macht so ein Sozialplan die Angestellten zu Nummern in einem System, in dem zählt, ob man verheiratet oder Single ist und wie viele Kinder man auf der Lohnsteuerkarte stehen hat. Ein freundliches Gesicht, der nette und kompetente Umgang mit Kunden, die Person, zählt leider nicht.

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