Der Albrecht
Unabhängige Hochschulzeitung an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Freie Fahrt voraus/sichtlich 2011

Einmal Schleswig-Holstein, hin und zurück.
von Annemarie Schönherr

Abfahrtstermin zweifelhaft Foto: sn

Abfahrtstermin zweifelhaft Foto: sn

Wer heute als Studierender der CAU in einen Zug einsteigt und über Raisdorf, Flintbek, Felde hinaus sitzen bleibt, ohne eine Fahrkarte gelöst zu haben, fährt schwarz. Selbst, wenn er auf dem Weg nach Hamburg ist, um dort im Rahmen der Kooperation zwischen den Universitäten Kiel und Hamburg eine Veranstaltung zu besuchen. Womöglich wöchentlich. Lehramtsstudierende, die Praktikumsplätze außerhalb von Kiel zugewiesen bekommen und nicht aus Schleswig-Holstein kommen, bezahlen entweder eine Pension oder tragen die Fahrtkosten. Bis zu sechs Wochen lang. In Zukunft könnte das anders sein, denn wie Fabian Arndt, Referent für Verkehr und Umwelt, verkündet: „So weit war noch keiner.“ Durch die Initiative des AStAs, an der die studentischen Vertretungen der anderen Hochschulen, das Land und der Nahverkehr Schleswig-Holstein (NSH) beteiligt sind, rückt ein landesweites Semesterticket in greifbare Nähe. Dahinter steckt eine Menge Zeit, Arbeit, komplizierte Berechnungen und vor allem Durchhaltevermögen.

Im Auftrag der Universität, des Landes und des NSH befragte das Unternehmen AMCOM von Oktober bis November des letzten Jahres Studierende an allen Hochschulen im Lande nach ihrer bisherigen Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs. Die Ergebnisse der 40 000 Euro teuren Umfrage bilden die Grundlage für die Preisberechnung eines landesweiten Semestertickets. Angestrebt wird ein Sockelmodell mit Option. Das heißt, dass alle Studierenden einen solidarischen Sockelbeitrag bezahlen, der dazu berechtigt, zu bestimmten Zeiten mit den Bahnen in Schleswig-Holstein zu fahren. Dazu gehören auch der Bereich des Hamburger Verkehrsverbunds in Schleswig-Holstein und Fahrten bis zum Hamburger Hauptbahnhof. Der HVV in Hamburg kann hingegen nicht mit dem Ticket genutzt werden. Wer möchte, kann sein Semesterticket aufstocken und für einen Preisaufschlag Bus und Bahn vierundzwanzig Stunden sieben Tage die Woche nutzen.

In der aktuellen CampusInfo des AStA (01/2010) werden die vier zur Diskussion stehenden Sockelmodelle vorgestellt: 1. Nutzung der Bahn nach 19:00 Uhr unter der Woche und am Wochenende für 104,81 Euro. 2. Nutzung der Bahn nach 19:00 Uhr am Freitag und am Wochenende für 93,22 Euro. 3. Nutzung der Bahn ohne Einschränkung für 163,53 Euro. 4. Nutzung der Bahn werktags bis 19:00 Uhr für 120,81 Euro. Die hier angegebenen Preise werden inzwischen erneut überdacht und es wird wahrscheinlich eine Tendenz nach unten geben. Die in der Umfrage ermittelte Zahlungsbereitschaft der Studierenden, 15,00 bis 50,00 Euro für ein ausgeweitetes Semesterticket zu bezahlen, steht in einem krassen Gegensatz zu den ermittelten Vorschlägen. Verglichen mit den Preisen für eine Schülermonatskarte im Großraum Kiel, die bis zu 50 Euro kostet, ist das Angebot jedoch relativ günstig. Bedacht werden sollte auch, dass das Land Schleswig-Holstein ein landesweites Semesterticket nicht finanziell unterstützt. Fabian Arndt erklärt, dass bereits der Öffentliche Personen Nahverkehr vom Land gefördert werde und die Regierung keine Umverteilung anstrebe.

Der Preisvorschlag wird am Ende ausschlaggebend sein. Benthe Libner von der JU-HSG: „Mit dem Semesterticket soll ein von uns lang gehegter Wunsch wahr werden!“ Sie schränkt allerdings ein: „In puncto Finanzierung hoffen wir, die JU-HSG, jedoch noch auf eine Verbesserung, da wir für ein gesundes Preis-Leistungsverhältnis einstehen, welches keinesfalls zu einer Verdreifachung des Semesterbeitrags führen darf.“ Ganz ähnlich äußert sich die Linke-HSG zu diesem Thema. In ihrem letzten Wahlprogramm (SoSe 2009) heißt es: „Damit man überhaupt etwas von seinem Semesterticket hat, sprechen ökologische und praktische Gründe für eine Erweiterung des Semestertickets auf ganz Schleswig-Holstein, allerdings mit keiner einschneidenden fi nanziellen Mehrbelastung.“ Wie kommen die Preisvorschläge zustande? Um die Kosten für die verschiedene Sockelmodelle auszurechnen, hat AMCON ein komplexes Programm entwickelt, dass mit den Daten der Umfrage gefüttert wird und diese auswertet. Nachdem eigentlich geplant war, im Januar eine Urabstimmung über die Einführung eines landesweiten Semestertickets abzuhalten, hat sich gezeigt, dass bei der Berechnung der Preisvorschläge Fehler gemacht worden sind, die den Preis beeinfl ussen. So wurden Fahrten doppelt gezählt oder davon ausgegangen, dass ein Schleswig-Holstein-Ticket von durchschnittlich zwei Personen genutzt wird. Realistischer ist allerdings eine gemeinsame Ticketnutzung von fünf Personen. Wenn nun statt zwei Studierenden fünf Studierende zusammen ein Ticket kaufen, fällt die Anzahl der bisher gekauften Tickets geringer aus als angenommen. Die Preisvorschläge müssen also von allen beteiligten Gruppen erneut überprüft und noch einmal überarbeitet werden. Und das dauert. Bezüglich der Fehler in der Berechnung ist es Fabian Arndt wichtig zu betonen, dass „wir nicht das Gefühl haben, dass uns irgendjemand abziehen will.“ Alles laufe sehr fair ab.

Das nächste offizielle Preisangebot des Nahverkehrs Schleswig-Holstein wird voraussichtlich im März vorliegen. Wünschenswert wäre es, wenn alle Universitäten in Kiel das gleiche Angebot bekämen, bemerkt Götz Borchert von der Juso-HSG der CAU. In der letzten Runde hätte jede Kieler Hochschule ein eigenes Angebot bekommen. Die Muthesius Kunsthochschule wäre dabei günstiger weggekommen, was angesichts der geringeren Zahl der dort Studierenden nicht verständlich sei. Hierauf angesprochen, erklärt Frau Grieshammer von der NSH, dass es auf ein solches einheitliches Angebot pro Hochschulstandort wohl auch hinauslaufe. Die unterschiedlichen Preisangebote weisen auf eine weitere Schwierigkeit in der Berechnung hin: Je mehr Hochschulen mit im Boot sitzen, desto günstiger wird der Preis für das Semesterticket. Da jedoch keiner sagen kann, wie die Studierenden an den verschiedenen Hochschulen abstimmen werden, müssen mehrere mögliche Szenarien berücksichtigt werden.

Sylt, Sankt-Peter-Ording, Hamburg, Lübeck – wer sich nicht entscheiden kann, wohin die erste Fahrt mit dem neuen Semesterticket gehen könnte, sei beruhigt. Es ist noch Zeit. Zwar wird das nächste Preisangebot für März erwartet, doch ist es von da bis zum handfesten landesweiten Papierticket noch ein großer Schritt. Da eine Urabstimmung nicht in den Semesterferien durchgeführt werden kann und der AStA vor der Abstimmung umfassend über das Ticket informieren möchte, werden die Studierenden voraussichtlich im Juni über den zukünftigen Wert ihres Semestertickets entscheiden können. Die Rückmeldung für das kommende Wintersemester (1010/11) erfolgt ebenfalls im Juni. Die Unterlagen hierfür werden vorher verschickt und der Druck der über 22 000 Überweisungsträger findet dementsprechend noch früher statt – vor der Urabstimmung und mit dem Aufdruck des alten Semesterbeitrags. Käme bei der Abstimmung eine Mehrheit für ein landesweites Semesterticket zustande, könnten die neuen Tickets deswegen trotzdem erst im Sommersemester 2011 zum Einsatz kommen – soweit die Studierenden dafür stimmen. „Wenn ein Nein kommt, gibt’s auch kein Ticket“, versichert Fabian Arndt.

Mit einem Nein gegen ein Semesterticket abgestimmt haben Ende November, Anfang Dezember die Studierenden der Ludwig-Maximilians- Universität München. Hier lehnten 52,1 % das Angebot des Münchner Verkehrs- und Tarifverbundes ab. Thomas Honesz von der dortigen Studierendenvertretung erklärt, dass „sowohl der Sockelbeitrag als auch das Gesamtangebot zu teuer sind und daher von vielen Studierenden nicht mehr als solidarisch empfunden wurden.“ An der Technischen Universität und an der Hochschule München fand das vorgeschlagene Sockelmodell hingegen eine deutliche Mehrheit. Ziel ist es nun, das Semesterticket zumindest an der TUM und HM einzuführen.

Wofür sich die Kieler Studierenden am Ende der Verhandlungen entscheiden, steht noch in den Sternen. Zwar sind sich die Linke- und die JU-HSG bei diesem Thema einig und auch die Juso- HSG wünscht die Ausweitung, doch die Meinungen unter den Studierenden gehen teilweise weit auseinander. Klar ist nur eins – es war und ist ein großes Stück Arbeit.

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Meinungen von Studenten zum Thema

„Ich als Lehramtsstudent, der nicht aus Schleswig- Holstein kommt, befürworte ein landesweites Semesterticket, weil es mir die Chance gibt, zwischen Kiel und den Praktikumsorten zu pendeln und dabei Pensions- oder Pendelkosten zu sparen.” Nils Fieselmann, Hannover

„Ich würde ein landesweites Semesterticket begrüßen, aber es auch stark vom Preis abhängig machen. Es muss sich ja schließlich für mich lohnen. Aber ich kann mir vorstellen, dass es mit dem Ticket wesentlich stressfreier zugeht.“ Jana Lange, Stade

„Die regelmäßig anfallenden Fahrtkosten sind doch nur ein Problem für Studenten, die Fernbeziehungen führen, zu Mama oder auf den Ponyhof fahren, aber nicht für den durchschnittlichen, selbstständigen Studenten.“ Sarah Peignard, Schwäbisch Gmünd

„Ich denke, dass sich das nicht lohnen würde. Wenn man sich die Preisvorschläge anguckt, stimmt das Preis-Leistungsverhältnis einfach nicht. Die zeitlichen Einschränkungen würden einen total abhängig machen und dafür dann noch soviel Geld bezahlen? Also für mich reicht das jetzige Ticket völlig aus.“Bettina Gierke, Kiel

Es gibt 2 Kommentare

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  1. Wenn man für zwischen Lübeck und Kiel pendeln muss und bis dato für eine Monatskarte um die 190€ zahlt, wäre ein landesweites Semesterticket ein große Entlastung und würde mehr Zeit für das Studium und weniger Notwendigkeit zum Jobben bedeuten. Existenzwichtig, wenn man sein Studium vollumfänglich selbst finanzieren muss.

  2. Sry aber wenn ich jeden Tag aus Lübeck pendeln sollte, miete ich mir ne Wohnung in Kiel, nen WG-Zimmer is für ein wenig mehr der Monatskarte zu haben.

    Und der Preis des Semestertickets schießt wahrlich übers Ziel hinaus, wenn man sich vor Augen führt, dass ein “echtes” Semesterticket mit Busnutzung 357 Euro kosten würde und selbiges Ticket in beispielsweise Göttingen 48 Euro kostet. Darüber hinaus bedeutet das Ticket für viele Studenten, die nicht pendeln, eher eine Belastung mit zusätzlichem Jobben etc.

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