Der Albrecht
Unabhängige Hochschulzeitung an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Weihnachten mal anders

Eine deutsche Familie, internationale Gäste … und ein fröhliches Fest

von Mounira Ghribi

Weihnachten, die Geburt Jesu, das Fest der Liebe und Anlass zur Familienzusammenkunft. Die besinnliche Adventszeit gehört zu den größten Feierlichkeiten in vielen Ländern dieser Erde. Ein Familienfest ist es überall. Freunde und Verwandte beschenken sich reichlich und viele leckere Gerichte fi nden ihren Platz auf dem Esstisch. Aber jedes Land hat doch seine eigenen Traditionen und Bräuche. Das International Center bietet ausländischen Studenten daher mit dem Programm „Begegnungen unterm Tannenbaum“ die Möglichkeit, das deutsche Weihnachtsfest einmal direkt zu erleben. Zum Einen sollen ausländische Studenten die Chance haben, Deutschland, die Deutschen und ihre Tradition kennen zu lernen. Zum Anderen soll es deutschen Familien ermöglichen, anderen einen Einblick in die hiesigen Bräuche zu geben und selbst von den Erzählungen der Studenten und ihren Weihnachtsberichten zu lernen.

Besondere Weihnachten für Alina und Laith Foto:

Besondere Weihnachten für Alina und Laith Foto: Annegret Schurbohm

Dies ließ sich Ehepaar Schurbohm nicht zweimal sagen. Die beiden sind sehr an anderen Kulturen interessiert und schon sehr viel gereist – vor allem in den arabischen und asiatischen Raum. „Wir haben selbst keine Kinder, sind aber sehr neugierig auf junge Leute. Daher freuen wir uns sehr an so einem Projekt teilnehmen zu können.“ Annegret Schurbohm (59), technische Angestellte und ihr Mann Heinz-Peter (63) meldeten sich sofort bei Jan Bensien im International Center und baten sogar um zwei Studenten. Zur selben Zeit wurden die Russin Alina Uss (19) und der Iraker Laith Kadem (26) per E-Mail des Uni-Verteilers auf das Programm aufmerksam. Alina studiert Germanistik und Anglistik im 5. Semester. Sie ist erst seit vier Monaten in Deutschland, beherrscht die Sprache aber fast fl ießend. Laith ist seit September 2008 in Kiel und macht seinen Master in Material Science. Seine Vorlesungen fi nden alle auf Englisch statt, er besucht aber einen Deutschkurs, um die Sprache zu lernen. Er unterhält sich allerings vorzugsweise auf Englisch. Der Iraker hat sich schon immer gefragt, wie so ein Weihnachtsfest wohl aussehen mag. Bisher kannte er es nur aus dem Fernsehen. Der 26jährige ist nämlich Muslim. Er hatte im Irak zwar christliche Freunde, doch diese feierten natürlich immer im Kreise der Familie. Laith weiß, dass Weihnachten für die Deutschen sehr bedeutend ist. Ihm gefällt die Atmosphäre mit den vielen Lichterketten und dem Weihnachtsmarkt. Dort hat er auch zum ersten Mal Lebkuchen gegessen. „Das ist wirklich lecker“, sagt er grinsend. Freunde von ihm haben bereits im Jahr zuvor an dem Programm teilgenommen. „Sie waren sehr begeistert. Nun dachte ich mir, das ist meine Chance.“ Alina kennt Weihnachten zwar aus ihrer Heimat. In Russland hat Weihnachten für die Orthodoxen eine große Bedeutung. „Die meisten schenken dem Neujahr eine viel größere Bedeutung. Daher wollte ich Weihnachten gerne in Deutschland verbringen.“ An dem Programm will sie teilnehmen, weil sie die Atmosphäre spüren und das Fest richtig erleben möchte.

Die Schurbohms haben zwar eine große Verwandtschaft, verbringen Weihnachten jedoch schon seit mehreren Jahren alleine. „Es sind viele junge Familien mit Kindern und die haben ihre eigenen Programme. Mein Mann und ich verbringen Heiligabend daher lieber alleine und besuchen die Familie dann am ersten oder zweiten Weihnachtstag.“ Doch die Schurbohms haben da ihr eigenes, ganz spezielles Weihnachtsprogramm und freuen sich sehr, dieses mit ihren zwei unbekannten Gästen zu teilen. Bei der Frage, was die beiden über die Familie wissen, erzählt Alina: „Außer einem schriftlichen Profi l, weiß ich nichts über die Familie und auch nicht, was wir vorhaben.“ Auch Familie Schurbohm weiß nicht viel über ihre Gäste. „Alina kommt aus Russland. Da waren wir schon einmal und es gefi el uns sehr dort. Den Irak kennen wir nicht, aber wir haben schon andere arabische Länder besucht. Die Gastfreundlichkeit, die wir dort erfahren haben, möchten wir jetzt gerne zurückgeben.“

Pusch trinken auf dem Weihnachtsmarkt Foto:

Punsch trinken auf dem Weihnachtsmarkt Foto: Annegret Schurbohm

An Heiligabend holte Ehepaar Schurbohm die beiden Studenten um 11 Uhr morgens von zu Hause ab. Alle waren sehr neugierig aufeinander. Sie fuhren direkt in die Innenstadt zu den Kieler Nachrichten, um sich die Korallenbläser anzuhören. Anschließend folgte eine Runde Punsch auf dem Weihnachtsmarkt. „Für Laith habe ich eine Thermoskanne mit Tee mitgebracht, weil Muslime ja kein Alkohol trinken.“ Nach einer Besichtigung der Nikolaikirche fuhren die Vier zu Familie Schurbohm nach Hause. Um sich etwas näher zu kommen, bereiteten alle gemeinsam das Essen zu. „In dem Moment habe ich mich direkt wie zu Hause gefühlt“, erzählt Laith danach. „Zuerst haben sie uns noch ihr ganzes Haus gezeigt. Bilder von sich, der Familie und ihren Reisen durften wir auch sehen.“ Vor allem Laith war auf das Essen sehr gespannt.

Als Vorspeise gab es eine Grünkohlsuppe, für den Hauptgang wählte Annegret Schurbohm Entenbraten mit Kartoffelpüree und Rotkohl und zum Nachtisch dann noch Bratapfel. Grinsend erzählt Laith: „Ich hatte bisher einen schlechten Eindruck von deutschem Essen, da ich es nur aus der Mensa kannte. Doch dieses Festmahl war wirklich sehr lecker.“ Da die Schurbohms ihr alljährliches Weihnachtsprogramm haben, wollten sie auch dieses Jahr nicht auf das Hörspiel „Hilfe, die Herdmanns kommen“ verzichten. Damit auch Laith etwas davon hat, übersetzten die Schurbohms den Text ins Englische. „Ich war echt sprachlos. Sie hatten mir schon die Rezepte des Festessens sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch geschenkt. Und nun auch das.“ Um 18 Uhr zündeten Alina und Laith die Kerzen des Tannenbaumes an, um dann die Bescherung folgen zu lassen.

Ein Lichtlein brennt Foto:

Ein Lichtlein brennt Foto: Annegret Schurbohm

„Das kannte ich nur aus Filmen“. Der Iraker war begeistert, so etwas nun mal selbst gemacht zu haben. Was die Bescherung betraf waren Alina und Laith sich ganz unsicher, wie das Ganze abläuft. „Als wir in das Haus kamen, wussten wir nicht, ob wir die Geschenke direkt überreichen sollten,“ erinnert sich Alina. Laith fängt an zu lachen: „Alina fragte ausgerechnet mich, wann die Bescherung sein würde.“ Beide Studenten freuten sich sehr über die Kieler Taschen, die sie als Geschenk erhielten.

Die Stimmung war bis dahin schon viel lockerer geworden und beim ‘Mensch ärgere dich nicht’- Spielen wurde es noch lustiger in der Runde. Sie hatten so viel Spaß, dass sie fast die Zeit vergaßen, denn das Programm war noch längst nicht zu Ende. Sie machten sich also auf den Weg zur Martinskirche. Dort fi ndet jedes Jahr um 23 Uhr die Weihnachtspredigt statt. Zu ihrem großen Erstaunen leitete der Pastor seine Rede gleich auf Russisch und Arabisch ein. Ehepaar Schurbohm genoss die überraschten aber auch strahlenden Gesichter ihrer beiden Gäste. Und auch hier dachte Annegret Schurbohm daran, die Predigt schon zuvor ins Englische zu übersetzen. „Das hat mich wirklich sehr gerührt. Die Frau hat sich so viel Mühe für mich gegeben.“

Ein weiteres Mal, aber diesmal ungeplant, überrascht wurde Laith, als der Chor zur Begleitung der Geschichte über den Nikolaus eine Melodie anstimmte. Es war ein bekanntes irakisches Lied, dass der junge Student in seiner Schulzeit im Irak häufi g auf dem Klavier spielte. „Das erinnerte mich an zu Hause.“ Nach der Predigt wartete auf die Vier eine Mitternachtssuppe und anschließend wurde weiter „Mensch ärgere dich nicht“ gespielt, bis 3 Uhr nachts. „Es war ein sehr sehr schönes Fest. Besser konnte ich es mir gar nicht vorstellen. Ich plane bereits eine Überraschung für unsere Gastgeber, um meinen Dank auszudrücken.“, erzählt Laith. „Wir haben uns so gut verstanden und ein so tolles Weihnachtsfest gehabt. Wir haben die beiden auch schon zum Neujahrstreffen eingeladen.“, berichtet Annegret Schurbohm zufrieden. Alina resümiert: „Das war das fröhlichste Weihnachtsfest!“

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