Der Albrecht
Unabhängige Hochschulzeitung an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Von Selbsterfahrung und schreienden Fratzen

Der Studentenverlag Stellwerck hat mit “Signalstärke hervorragend” sein erstes Buch herausgegeben.

von Elisabeth Maria Schlierike

Erschütternd und erheiternd, persönlich und gesellschaftskritisch, tragisch und komisch – das alles sind die Kurzgeschichten und Gedichte in der ersten Anthologie des Stellwerck Verlags. „Signalstärke: hervorragend“ liefert eine große Bandbreite an Themen: Es wird von einem Mann erzählt, der sich an der Gesellschaft rächen will, indem er im Supermarkt Dinge stiehlt, die er nicht braucht, über den Studenten, der eines Tages aufwacht, um ein kleines Männchen neben seinem Bett zu finden, das ihm sagt, wie er sein Leben auf Vordermann bringen soll, bis hin zu amüsanten Tagträumen über das Leben als berühmter Autor. So verschieden die Themen und Textformen sind, so unterschiedlich gut lassen sie sich auch lesen. So macht zum Beispiel Oliver Bergers Gedicht (ohne Titel) stark den Eindruck, als habe der Autor herausfinden wollen, welche Wirkung die wiederholte Nennung möglichst vieler Begriffe aus dem Wortfeld „brennen“ in fünf Strophen hat.

Leider wirkt das Ergebnis dieses Versuchs ein wenig, als sei es genau dies. Durch einen offenbar überschwänglichen Drang, große Gefühle mitzuteilen, wirkt das Gedicht überladen und verliert an Stimmung. Anstrengend wird es in der Kurzgeschichte „Synthetische Gedanken“. Gelingt es dem Autoren zunächst noch, eine bedrückende Stimmung zu schaffen, den Gegensatz zu zeigen zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung, wird das Lesen darüber doch nach einigen Seiten der unbeschreiblichen Qual des Protagonisten ermüdend. Er schweigt. In seinem Kopf nur „Teufel, Dämonen, Monster“. „Blutige Münder und schreiende Fratzen“ ziehen an ihm vorbei – und das elf Seiten lang. Am Ende ist der Leser erleichtert, dass es vorbei ist, und er sich wieder einigen sehr gelungenen Beiträgen zuwenden kann.

„Aber Mr. Furgison“ zum Beispiel schafft es, dem Leser die Hauptfiguren schnell nahe zu bringen, obwohl eine gewisse Distanz zum Geschehen gewahrt wird. Der Protagonist beschließt, „es sich und der ganzen Welt noch einmal zu beweisen“ – er legt sich auf einen Zebrastreifen und weigert sich aufzustehen. So lernt er Miss Andrew kennen, deren Leben sich durch dieses Erlebnis drastisch verändert. Diese Kurzgeschichte zeigt, wie vielfältig das Leben aussehen kann und auch, wie schnell es sich ändert. Denn gleich nachdem die beiden Hauptfiguren sich kennengelernt haben, wird Mr. Furgison schon überfahren. Doch dies wird nur knapp in zwei Sätzen geschildert, der Tonfall bleibt distanziert, was zu der insgesamt leichten Erzählweise der Geschichte passt. Autor Ralph Großmann gelingt es hier, einfühlsam zu schreiben und trotzdem Ironie mitklingen zu lassen. Gerade einige der sehr kurzen Texte bringen ironische, lustige und auch traurige Aspekte des Lebens auf den Punkt. „Niemand wandelt ungestraft zusammen“, der sich mit einer Trennung auseinandersetzt, ist so ein Text. Auf weniger als einer Seite wird anschaulich und zugleich nicht aufdringlich ein Einschnitt ins Leben dargestellt, wie ihn die meisten schon empfunden haben. Auch die jeweils nur einen Absatz fassenden Texte „Passanten“ und „Selbsterfahrung“ greifen einzelne Aspekte auf und hinterlassen gerade wegen ihrer Kürze und zusammen mit einer gekonnten Wortwahl einen bleibenden Eindruck. Insgesamt ist das ausschließlich von Studierenden verfasste Buch absolut lesenswert. Den meisten Autoren gelingt es, tiefgründige Themen so zu behandeln, dass man sie gerne liest – ob die Texte nun ironisch oder traurig klingen. Ob man sich länger Zeit nimmt oder nur einen kurzen Blick in das Buch wirft, man wird durch die Vielfältigkeit des Werks etwas fi nden, das einem aus der Seele spricht oder einem die Augen für Neues öffnet.

„Signalstärke: hervorragend“, 9,90 Euro, erschienen beim Stellwerck Verlag.

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