Nur 48 Stunden
13. Mai 2010 | Kategorie: Kultur Keine Kommentare »Filmemachen unter Adrenalin
von Bernadett Skala
Das Bier ist kaltgestellt, Schminksachen liegen bereit und die Kamera auf dem Tisch wartet auf ihren Einsatz. Es ist Freitagabend, kurz vor 18 Uhr. Nur diesmal soll es nicht zu einer Party oder einem Konzert gehen, sondern zu einem Filmdreh. Kunstblut statt Mascara und Wimperntusche, und die Kameras in einer Preislage, dass man sie bei Partys dann doch eher zu Hause lässt. Nur das Bier ist das Gleiche.
So oder so ähnlich sieht es wahrscheinlich in vielen Wohnungen Schleswig-Holsteins aus. Doch was treibt so viele Menschen dazu, gerade das Wochenende vom 23. bis 25.4. nicht zum Feiern, sondern zum Filmen zu nutzen? Das simple, wie spannende Konzept von „Nur 48 Stunden“, dem schnellsten Video-Wettbewerb im Land zwischen den Meeren. Denn gedreht, geschnitten, auf DVD gebrannt und abgegeben wird, der Titel lässt es erahnen, in nur 48 Stunden. Zum mittlerweile vierten Mal konnten sich alle anmelden, die Lust am Filmen, Schauspielern und Schneiden haben.
Freitag Punkt 18 Uhr wird das Thema bekannt gegeben. Und wie es sich für einen schnellen Wettbewerb gehört, natürlich übers Internet. Damit niemand einfach einem vorher gedrehten Film einen neuen Namen verpasst, werden außerdem drei Elemente vorgeschrieben, die in unterschiedlichen Einstellungen zu sehen sein müssen. Und nun sind den Ideen keine Grenzen gesetzt. Oder doch? Denn das Thema 2010 ist „An der Grenze“! Wie in den letzten Jahren, mit „Abgehängt“, „Fremd-Gehen“ und „Ein Moment, der alles verändert“, ein Thema mit vielen Interpretationsmöglichkeiten. Es gibt geografische, persönliche, sprachliche Grenzen. Es gibt die Grenze zwischen Realität und Traum, ernstere Themen wie Schizophrenie und Borderline. Und man kann mit seinem Film ganz schnell die Grenzen des guten Geschmacks übertreten.
Ideenfindung mit Pizza und Tagesschau, so sieht der Freitagabend aus. Denn neben einem Pfiff und Wasser soll auch der Name der Tagesschausprecherin bzw. des Tagesschausprechers vom Freitag im bis zu fünfminütigen Endergebnis zu finden sein. Judith Rakers werden die Ohren klingeln bei der Präsentation eine Woche später, wenn ihr Name den ganzen Abend fällt.
Wie die drei Elemente letztlich verarbeitet werden, ist jedem Team selbst überlassen. Ob ein Glas Wasser oder Eis am Stiel, ob ein Aquarium oder das offene Meer. Außer Schnee und Regen ist am Samstag zum Dreh Wasser in allen Variationen erwünscht. Doch die Sonne meint es gut und strahlt das ganze Wochenende. Was den Teams am Sonntag zum Schneiden nicht viel bringt. Da heißt es Abdunkeln und gesunde Blässe bewahren- alles für die Kunst! Denn die Zeit ist knapp bemessen. Bis 18 Uhr muss der Film in den Offenen Kanälen des Landes über die Tresen gegangen sein. In Kiel wird kurz vor Schluss angestanden, 17 Gruppen haben ein Ergebnis abzuliefern. In Heide, Flensburg und Lübeck ist die Beteiligung um einiges geringer. Insgesamt werden 23 Kurzfilme aus allen Genres abgegeben.
Davon wird eine Vorauswahl von 13 Filmen fünf Tage später in der Mensa 1 gezeigt. Die Anspannung bei den Teams dürfte die Gleiche sein wie am Wochenende zuvor. Denn eine Jury aus drei Medienerprobten verkündet die Gewinner: Der dritte Platz geht an Sascha Stieglitz (100 Euro) für „An der Grenze des Existenzminimums“, eine Hommage an Gaarden. Silber geht an “Herrentoilette” von Tim Butenschön (150 Euro), der die Gedanken aufdeckt, die man(n) hat, wenn er den Chef am Pinkelbecken trifft. Und ganz oben aufs Treppchen kommen die Macher von “Liebe für Anfänger”, Sven Bunge, Johannes Karstens und Jasper Stratil (250 Euro) mit ihrem Versuch einer Liebesoffenbarung.
Aber auch das Publikum hat ein Wörtchen mitzureden und darf über einen mit 100 Euro dotierten Preis abstimmen. Die meisten Lacher ließen es erahnen, es ist “Herrentoilette”, der auch schon von der Jury gewürdigt wurde.
Wer jetzt denkt, dass es doch kein Problem ist, in 48 Stunden fünf Minuten Film zu drehen, der sollte sich eines Besseren belehren lassen. Und sich nächstes Jahr im April anmelden, wenn die Film-AG im Studentenwerk, der Landesverband Jugend & Film Schleswig-Holstein und der Offene Kanal Kiel wieder zum Filmemachen unter Adrenalin aufrufen.

