Bergromantik und asiatische Assimilation
8. Juni 2010 | Kategorie: Kultur Keine Kommentare »Mangas ohne Grenzen
Japanisch-deutsche Freundschaft in den neuen Mangas von Jiro Taniguchi und Melanie Schober
von Janwillem Dubil
„Die Japaner sind die Arier Asiens” hallte es während des zweiten Weltkriegs durch die Propagandakanäle der Nationalsozialisten um das Bündnis der beiden Länder zu rechtfertigen. Rückblickend wirkt diese abstruse Aussage wie der Startschuss zu einer Reihe von Verbrüderungen, die vor allem in Kunst und Kultur hochinteressante bis völlig absurde Blüten getragen haben. Unübertroffen ist diesbezüglich wohl der jodelnde Japaner Takeo Ischi, der in gebrochenem Deutsch Gassenhauer wie „Wenn ich verliebt bin muss ich jodeln” zum Besten gab.
Dass die beiden Nationen eine gemeinsame Faszination für die Berge eint, unterstreichen auch die Mangas Jiro Taniguchis. Mehr noch, sie weisen deutliche Anzeichen einer als typisch deutsch konnotierten, alpinen Romantik auf: Das fünfteilige Bergsteigerepos „Gipfel der Götter” hätte auch Luis Trenker zur Ehre gereicht und das Cover der Kurzgeschichtensammlung „Der Wanderer im Eis” erinnert frappierend an den röhrenden Hirsch.
Für sein neues Werk „Ein Zoo im Winter” hat Taniguchi das Gebirge verlassen – ein literarischer Achttausender ist ihm trotzdem gelungen. Inspiriert von seiner eigenen Biografie erzählt er von den Lehrjahren des Zeichners Hamaguchi, dem Eintauchen in die Großstadt und der Begegnung mit der jungen Mariko. Letztere ist die wohl eindrucksvollste in einer langen Reihe von eindrucksvollen Frauenfiguren, die Taniguchi im Laufe seiner Karriere entwarf: Ihre Anmut und Zerbrechlichkeit erwecken nicht nur Hamaguchis Aufmerksamkeit, sie fesseln Mariko auch ans Krankenbett – und zwar so fest, dass schon das Herzklopfen ihrer ersten großen Liebe tödlich für sie sein könnte.
Verheißungsvolles Versprechen und potentielles Scheitern in einem, ist Mariko das Herz dieser Geschichte eines Neuanfangs. Ihr Körper sind Taniguchi elegante, konzentrierte Bildkompositionen, die zwar Melancholie atmen, aber von der Liebe zu den Hauptfiguren leben. Mit „Ein Zoo im Winter” ist Taniguchi von seinem Berg hinabgestiegen um universelle Geschichten zu erzählen. Künstlerisch brachte es ihn dorthin zurück, wo er stets zu Hause war: In höchste Höhen.
Im deutschen Flachland frönen derweil junge Comiczeichner einer beispiellosen Japanophilie – nirgendwo außerhalb Japans entstehen so viele Mangas wie in der BRD. Dabei zeichnen sich diese vor allem dadurch aus, dass sie eifrig den Stil ihrer asiatischen Vorbilder kopieren, aber weder inhaltlich noch formal an deren Klasse anknüpfen können.
Melanie Schobers „Personal Paradise: Killer Kid 1” ist so ein Manga. Angesiedelt in der nahen Zukunft präsentiert sie Megacities, Moloch und mentale Mutationen – und somit alles, was der Genre-Primus „Akira” schon in den Achtzigern eindrucksvoller gezeigt hat. Darüber legt Schober die alte Geschichte vom Mädchen, dass unter dramatischen Umständen in die Obhut eines Killers gelangt und sich mit diesem anfreundet – Luc Bessons Film „Leon – Der Profi” lässt grüßen. Aber der war wenigstens Franzose.
Dass die Geschichte dennoch einen gewissen Charme entwickelt, liegt daran, dass sie nicht in Japan sondern explizit in Deutschland verortet wird. Die Figuren sehen zwar aus wie die bekannten Yugis, Milas oder Ranmas, heißen aber Daniela, Michael oder Paula. Vor allem sprechen sie aber einen, scheinbar an die so genannte deutsche „Jugendsprache” angelehnten, Slang, der unablässig Stilblüten wie „Ey, du Heino. Mach ma’ hinne.” fabriziert. Zusätzlich steigert „Personal Paradise” seinen Spaßfaktor durch das muntere Verteilen von Seitenhieben auf die hiesige Populär- und Hochkultur. Da findet selbst der japanische Killer Zerstreuung im Studium von Goethes Romanen – beim Weimarer Klassiker hört die asiatische Kulturassimilation dann doch auf.
Jiro Taniguchi: Ein Zoo im Winter. Carlsen Comics, Hamburg 2010. 247 Seiten, Klappenbroschur. 16 Euro.
Melanie Schober: Personal Paradise: Killer Kid 1. Carlsen Manga, Hamburg 2010. 196 Seiten, Taschenbuch. 5,95 Euro.