Bildungswüste nördlich des Nord-Ostsee-Kanals
8. Juni 2010 | Kategorie: Hochschule Keine Kommentare »Kiel soll zur Elite-Universität werden, während in Flensburg Studiengänge gestrichen werden
von Elisabeth Maria Schlierike
Jetzt ist es offiziell: Das Internationale Institut für Management (IIM) der Universität Flensburg soll geschlossen werden. Dies hat die Haushaltsstrukturkommission der schleswig-holsteinischen Landesregierung am 26. Mai bekannt gegeben. Somit sollen Studiengänge gestrichen werden, denen zur Zeit 800 Studierende angehören und die unter den gefragtesten wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen Schleswig-Holsteins sind.
Es stellt sich allerdings die Frage, wie die Politiker nun eine solche Entscheidung treffen konnten, ohne sich zuvor noch einmal selbst ein genaues Bild von der Flensburger Universität zu machen. Es hat geradezu den Anschein, als hätten sie genau dies vermeiden wollen: Für den 12. Mai war ein Besuch des Ministerpräsidenten Peter Harry Carstensen in Flensburg geplant, den er jedoch kurzfristig absagte. Mit dieser Entscheidung des Politikers zerschlug sich für die dortige Universitätsleitung die Hoffnung, ihm das neue Zukunftskonzept vorzustellen und ihn von dem Wert der Hochschule für die Stadt und ihren Umkreis zu überzeugen.
Um sich dennoch Gehör zu verschaffen, organisierte die Universität Flensburg für den 20. Mai einen Aktionstag mit Demonstration, an der sich laut Polizeiangaben 2500 Personen beteiligten – für alle Beteligten und Unterstützer ein großer Erfolg. Eigentlich ein deutliches Zeichen für den Kieler Landtag.
„Wenn man nichts macht, lässt man sich von den Ereignissen überrollen.“ beide Rasmus Andresen, Bündnis 90/Die Grünen
Auch bei facebook werden Unterstützer der Hochschule aktiv. Der Grünen-Abgeordnete Rasmus Andresen hat dort die Gruppe „Für den Erhalt der Uni Flensburg!“ gegründet. Argumente werden ausgetauscht, Aktionen bekannt gemacht und Reden von Politikern veröffentlicht. In Anbetracht des großen Engagements bleibt nur zu hoffen, dass dieses von den Entscheidungsträgern in der Politik auch wahrgenommen und gewürdigt wird. Hier ist Andresen zuversichtlich und betont die Notwendigkeit solchen Einsatzes: „Wenn man nichts macht, lässt man sich von den Ereignissen überrollen.“ Der Protest müsse natürlich intelligent sein, was in der aktuellen Debatte auch so gewesen wäre. So lobt er zum Beispiel, dass Studierende und Mitarbeiter der Universität Flensburg am 21. Mai nach Kiel kamen und dem Minister für Wissenschaft, Wirtschaft und Verkehr Jost de Jager Unterschriften für den Erhalt ihrer Universität vorlegten und sich so auch persönlich mit dem Politiker unterhalten konnten. Nach Andresens Ansicht sei es für die Landesregierung der einfachste Weg, der Hochschule nicht, was auch in Betracht gezogen wurde, den Universitätsstatus abzuerkennen, sondern Mittel zu streichen und so die zur Debatte stehenden Studiengänge nach und nach „ausbluten“ zu lassen. Dies werde auf den geringsten Widerstand stoßen und sei daher strategisch am besten – aus Sicht der Landesregierung.
„Die wirtschaftswissenschaftlichen Studiengänge strahlen weit über die Region hinaus.“ Anke Spoorendonk, SWW
Ging es in der Debatte zunächst nur um die Finanzierung, was von Andresen bereits als „fatal“ bezeichnet wird, so wurden in der Woche nach Bekanntgabe der Sparpläne noch weitere unerfreuliche Sichtweisen der Landesregierung deutlich. So erklärte de Jager in einem Interview, es gehe nicht nur um die Finanzierung, sondern auch um „strukturelle Gründe“, was wiederum den Verdacht schürt, es ginge hauptsächlich darum, Kiel zur „Bildungshauptstadt“ zu machen, selbst wenn andere Universitäten darunter leiden müssen. Allerdings wird hierbei wohl übersehen, welche Bedeutung das IIM hat. So merkte Anke Spoorendonk, Abgeoordnete des SSW, im Bezug auf die Kooperation der Universität Flensburg mit der Syddansk Universitet in einer Rede an: „Die wirtschaftswissenschaftlichen Studiengänge strahlen weit über die Region hinaus.“ Eigentlich etwas, das man sich an einer Universität nur wünschen kann.
Hinzu kommt nun, dass Flensburg nun noch nicht einmal mehr auf Unterstützung von Seiten der Wissenschaftlichen Kommission Niedersachsen erhalten kann. Deren Gutachten sollte vor einer endgültigen Entscheidung offiziell abgewartet werden. Nun aber wurde deutlich, dass die Landesregierung im Grunde schon entschieden hat, wie sie sich entscheiden würde. Als Reaktion auf derartige Äußerungen de Jagers lehnt die Kommission eine Zusammenarbeit nun ab.
Es bleibt abzuwarten, ob das Bild, das einen derzeit auf der Homepage der Universität Flensburg begrüßt, Wirklichkeit wird: Eine Karte von Schleswig-Holstein, nördlich des Nord-Ostsee-Kanals nur eine weiße Fläche. Daneben der Text: „Endlich… Kiel oben!“
