Von splitternden Scheiben und scharfen Schüssen
8. Juni 2010 | Kategorie: Gesellschaft Keine Kommentare »Der Buchladen „Zapata” – Ein Tatort rechter Gewalt in Kiel
von Feliks Todtmann
Vier Mal sei das Geschäft in den zurückliegenden zwei Jahren Ziel vandalistischer Angriffe aus dem rechten Spektrum geworden, sagt Helene Walter*. Sichtlich verunsichert berichtet die Mitarbeiterin des kleinen Buchladens „Zapata“ über den erneuten Angriff vom neunten Mai, bei dem die lediglich notdürftig verglasten Fenster – die letzte Attacke liegt gerade einmal vier Monate zurück – erneut eingeworfen wurden.
Für die kleine Buchhandlung stellen die Angriffe nicht nur eine verstärkte Bedrohung durch rechte GewalttäterInnen dar, sondern verursachen auch einen immensen wirtschaftlichen Schaden. Und die TäterInnen wüssten dies, meint Helene Walter*. So sieht sich der Besitzer nunmehr gezwungen, teure Schutzrollläden anzubringen, die vor zukünftigen Attacken schützen sollen. Zugleich berauben die Rolläden den Laden auch seiner Schaufenster. Nur dank der Spenden vieler UnterstützerInnen und KundInnen können diese jetzt angeschafft werden.
Daran, dass die TäterInnen Neonazis waren, hat sie keine Zweifel. Das Geschäft ist weithin als links-alternativer Buchladen bekannt und passt in das Feindbild der Rechten. Zudem ist das Fluchtauto der TäterInnen angeblich einem bekannten Neonazi zuzuordnen. Zeugen hatten das Kennzeichen notiert, nachdem sie um 23.30 Uhr die Scheiben des Ladens klirren gehört hatten.
Die Buchhandlung war nicht das einzige Ziel faschistischer Gewalt an diesem Abend. Am Vortag, dem Tag der Befreiung vom deutschen Faschismus, hatten die Kieler Nazis versucht, eine geschichtsrevisionistische Kundgebung unter dem Motto: „8. Mai – Wir feiern nicht” am Hauptbahnhof abzuhalten. Diese verlief jedoch für die Handvoll anwesender Nazis aufgrund von breiten Gegenprotesten ernüchternd, sodass wohl der aufgestaute Frust anderweitig abgelassen werden musste. So wurde neben dem Buchladen auch das alternative Wohnprojekt „Dampfziegelei“ in Wik Opfer rechter Aggression. Hier warfen die TäterInnen gegen 23.00 Uhr die Fensterscheiben einer Wohnküche und eines Kinderzimmers ein, in dem ein vierjähriges Mädchen schlief. Verletzt wurde niemand.
Die Ereignisse dieses Maiwochenendes stellen jedoch leider keine Einzelfälle dar. Vielmehr reihen sich die Angriffe in eine Serie rechter Gewalttaten in Kiel ein, in deren Zusammenhang es seit 2008 immer wieder zu Sachbeschädigungen und tätlichen Angriffen durch Neonazis gekommen war. Ihren vorläufigen Höhepunkt fand diese Serie im Januar 2010. In der Nacht vom 19. zum 20. Januar hatten vermutlich Neonazis mit einer Schusswaffe in ein Fenster des bewohnten Teils des linken Wohn- und Kulturprojektes „Alte Meierei“ geschossen. Die zwei Schüsse, die in ein hell erleuchtetes Fenster abgegeben wurden, verfehlten die sich dort aufhaltende Person.
Ebenso wie der Buchladen „Zapata“ und die „Dampfziegelei“ ist die „Alte Meierei“ das, was die Neonazis als „exemplarischen Ort, der von ihnen als Feind angesehen wird“ betrachten, wie Julia Schmidt*, Bewohnerin der „Alten Meierei“, erklärt. Auch sie ist sich daher sicher, dass es rechte Gewalttäter waren, die im Januar gezeigt haben, dass sie auch vor möglichen Todesopfern nicht zurückschrecken. Die Qualität des Angriffs bereite ihr persönlich etwas Unbehagen. Angst will sie nicht sagen, doch sei ihr „Sicherheitsgefühl durch den Vorfall schon beeinträchtigt”. Sie spricht von einem „Fanal“ für eine mögliche Veränderung in der gewaltbereiten Naziszene Kiels, da Schüsse mit scharfen Waffen auf Hausprojekte ein Novum darstellten.
Von den Ermittlungsbehörden zeigten sich die Betroffenen enttäuscht. Die polizeilichen Ermittlungen seien in den Fällen eher schleppend verlaufen. Der Sprecher der Kieler Staatsanwaltschaft war aufgrund des laufenden Ermittlungsverfahrens zu keiner Stellungnahme bereit. Die Verfahren zu den früheren Sachbeschädigungen am „Zapata“ und den Schüssen auf die Alte Meierei wurden eingestellt, da keine Täter ermittelt werden konnten. Dennoch hoffen die Mitarbeiter des Buchladens aufgrund der Zeugenaussagen dieses Mal auf eine Feststellung und Verurteilung der TäterInnen.
Die Kieler Ermittlungsbehörden sowie die lokale Presse sehen indes keine Eskalation der politisch motivierten Gewalt von rechts. Das Problem wird allzu oft zu einer Art „unpolitischen Bandenkrieg“ heruntergespielt, selbst wenn es der Kinderladen des Kulturprojekts „Hansastraße 48“ ist, der Opfer von Steinwürfen wird. Für die Bewohner der „Alten Meierei“ passt diese Verharmlosung von rechter Gewalt gut in die Strategie der Kieler Polizeiführung, die den Bewohnern zufolge damit versucht, den Konflikt „nicht weiter anzuheizen“.
Ein weiterer schwerer Fall rechter Gewalt fand im April letzten Jahres statt. Nach einer misslungenen Kundgebung der „Aktionsgruppe Kiel“ wurde ein Balletttänzer offensichtlich von Neonazis lebensgefährlich verletzt. Der Mann, dessen lange Haare offenbar nicht ins menschenverachtende Weltbild der Nazis passten, wurde dermaßen zusammengeschlagen, dass er einen Schädelbasisbruch erlitt. Der damals 28jährige leidet noch immer an den Spätfolgen des Angriffs und kann seinen Beruf aufgrund von Taubheit auf dem linken Ohr nicht mehr ausüben. Der Hauptverdächtige des Angriffs auf den Tänzer der Kieler Oper steht zwar ab Juni diesen Jahres vor Gericht, dennoch reißt die Serie der Gewalt nicht ab.
Die Chronologie ließe sich um zahlreiche weitere Erscheinungen erweitern, von eingeworfenen Fensterscheiben über Propagandaaktionen bis hin zu gewalttätigen Übergriffen. Oft führen die Aktivitäten zurück zur AG Kiel. Die sogenannten „Aktionsgruppe Kiel“ ist eine Gruppe aktiver Rechtsradikaler, die sich auf ihrer Internetpräsenz selbst als aktive Nationalisten bezeichnen und sich den vermeintlichen Idealen eines „nationalen Sozialismus“ verschrieben haben. Der Kapitalismus wird von ihnen angeblich ebenso abgelehnt wie die „gescheiterte multikulturelle Gesellschaft“.
Diese Gruppe ist in den Horizont der „autonomen Nationalisten“ einzuordnen, die sich um das Jahr 2000 herum von den festgefahrenen Neonazistrukturen wie Parteien, Kameradschaften und Vereinen gelöst haben und vermehrt auf öffentlichkeitswirksamere Aktionsformen setzen. Der Nazi in Springerstiefeln und Bomberjacke hat für sie ebenso ausgedient wie der Nazi im Nadelstreifenanzug. Beides ist gesellschaftlich verpönt und für Jugendliche wenig attraktiv.
Um junge aktive Mitglieder in ihren Bann zu ziehen, scheuen die „autonomen Nationalisten“ nicht davor zurück, sich vormals traditioneller linker Politikfelder und Erscheinungsbilder anzunehmen. Umwelt- und Tierschutz, Konsumkritik und Geschlechterpolitik sind für sie ebenso Teil des Gesamtbildes, wie schwarze Kleidung auf Demonstrationen und politische Spontanaktionen. Es ist eine absurde Verquickung von jugendlicher Subkultur und traditionellem Stammtischnationalismus. Der Habitus und die Themen werden schlicht vom politischen Gegner übernommen und mit einem nationalen Anstrich versehen. „Autonome Nationalisten“ haben keine Berührungsängste mehr mit Anglizismen und übernehmen Graffitischriftzüge auf ihren Flyern und Aufklebern, die optisch nur bei sehr genauem Hinsehen von denen der Linken zu unterscheiden sind.
Aus welchen Neonazikreisen und -gruppen die TäterInnen in den Fällen der zerstörten Scheiben des Buchladens und der „Dampfziegelei” jedoch tatsächlich kommen, darüber lässt dich derzeit nur spekulieren. Es bleibt zu hoffen, dass die Ermittlungen dies schnell klären werden.
Ob denn „etwas geklaut worden“ sei, fragen bestürzte AnwohnerInnen, die sich keinen politischen Hintergrund der Taten vorstellen können, Helene Walter mit Blick auf die zerstörten Scheiben. Nein, antwortet die Mitarbeitern des Ladens. Kurt Tucholsky sagte jedoch schon, dass die literarischen Fähigkeiten der Nazis sich wohl darauf beschränken würden, einem politischen Gegner mit einem Telefonbuch auf den Kopf zu hauen.
* alle Namen redaktionell geändert
